Von Hildegard Schlüter

Von allen Volksschulen Hamburgs wechseln jährlich ungefähr 12 v. H. der Schüler auf die Oberschulen über. Vom 7. bis 19. März fanden in den verschiedenen Hamburger Bezirken die Ausleseprüfungen dieses Jahres statt, die Lehrkräfte der Volksschulen und solche der höheren Schulen abnehmen, Um von den Kindern ein möglichst echter Bild zu erhalten, werden die Prüfungen als regelrechter Unterricht gestaltet, wobei vor allem für die Schüler bisher unbekannter Lehrstoff behandelt wird.

Buenos dias, señoritas i señores“, hallt es aus einundzwanzig Mädchenkehlen, als ich mit dem Direktor, dem Schulrat und der Lehrerin den Klassenraum betrete. Und dann lerne ich Spanisch: Leo, lees, lee – ich lese, du fest, er liest ... „Was haben die Formen gemeinsam“, fragt Frau Dr. A. Ich antworte, daß es die Stammsilbe „le“ sei, aber so leise, daß es niemand gehört hat. Gott sei Dank. Die Kinder brauchen lange, bis sie die richtige Antwort finden. Von Zehnjährigen darf man wohl auch nicht mehr verlangen, noch dazu, wenn sie in der Prüfung sitzen, von der ihr Eintritt in die Oberschule abhängig ist.

Dabei ist bei diesen kleinen Mädchen, von denen die meisten Zöpfe – hängend oder zum Kranz aufgesteckt – tragen, nicht viel von Lampenfieber mehr zu merken. Sie haben sich daran gewöhnt, daß ein fremder „Herr Direktor“ (von der Oberschule des betreffenden Bezirks) zuhört, eine zweite Lehrerin sich eifrig Notizen macht, und beachten es gar nicht einmal, als die Photographin ihre Kamera zückt. Sie bilden weiter ihre kleinen spanischen Sätze: Ich nehme die weiße Kreide, ich nehme die rote Kreide ...

„Wir haben schon seit mehreren Jahren Spanisch als Unterrichtsfach für die Ausleseprüfungen genommen“, erzählt mir der Direktor später. „Es eignet sich so gut wegen seiner Maren Formen; in anderen Schulen hat man Versuche mit Schwedisch und Dänisch gemacht, diese Sprachen haben sich aber als ungeeignet erwiesen. Es ist bisher in meiner Praxis erst ein Fall vorgekommen, wo sich das mit dem Spanischen herumgesprochen haben mußte. Voriges Jahr. Da haben wir nämlich auch einmal Französisch unterrichtet. Als nun gefragt wurde, was ‚und‘ heißt, antwortete eines der Mädchen stolz ‚i‘.“

Die Lehrerin mit den Notizen greift sich Gunhild heraus, eine kleine blasse Person mit knallrotem Pullover. Langsam steht sie auf und sieht stumm geradeaus. Sie weiß nicht, wie „das Buch“ auf spanisch heißt. Viele ihrer Kameradinnen melden sich eifrig. Gefragt wird Lore, vorn auf der ersten Bank. Sie hatte sich nicht gemeldet, gab aber die richtige Antwort, wie immer. Sie wurde von ihrer Volksschule als B-Schülerin bezeichnet (der Grenzfall: zweifelhaft, ob für die Oberschule geeignet oder nicht), hat sich aber schon nach den ersten Tagen der Auslese als glatte A-Schülerin herausgestellt; während Gunhild bereits von der Volksschule als C-Schülerin benannt wurde, das heißt, sie wurde nicht für die Oberschule vorgeschlagen, sondern nimmt auf Wunsch ihrer Eltern an der Prüfung teil.

Überraschung gibt es, als nach der Pause in Gruppe II Spanisch unterrichtet wird (die Prüflinge des Bezirks sind in vier Gruppen zu je zwanzig bis vierundzwanzig Mädchen eingeteilt). Hier sind die Rinder viel schwerfälliger. Wie mit einer zähen Masse muß die Lehrerin mit ihnen ringen. Man sieht gekrauste Stirnen, Finger, auf denen verzagt herumgebissen wird, Rücken, die sich verschämt hinter dem Vordermann krümmen. Dabei sind in dieser Gruppe viel mehr als A-Schülerinnen Gemeldete, außerdem Kinder aus der gleichen, als gut bekannten Volksschule wie in der vorigen Gruppe. Für die Schulleute ist die Überraschung weniger groß als für mich. Sie erleben dergleichen beinahe jedes Jahr. Ich will daraus eine Fehlbeurteilung der Kinder durch die Volksschullehrer ablesen. Doch der Direktor meint: „Schuld daran ist wohl zuerst die Größe der Volksschulklassen, die manchmal mit über sechzig Kindern belegt sind. Da kann der Klassenlehrer nicht jede Schülerin richtig beurteilen. Außerdem stellen wir die Kinder jeden Tag vor ganz neue Aufgaben. Da können weder häusliches Nacharbeiten noch die besorgten Eltern helfen. Gerade dadurch soll es uns ja gelingen, ein einwandfreies Bild von jedem Kind zu gewinnen.“ Den Gutachten der Volksschulen kann man trotz ihrer manchmal nicht zutreffenden Ergebnisse Gründlichkeit und ernsthaftes Bemühen nicht absprechen. Um jede Voreingenommenheit der prüfenden Lehrkräfte auszuschalten, werden ihnen diese Gutachten erst nach der ersten Prüfungswoche zugänglich gemacht.