Kommen wir zu einer neuen Wohnkultur?

Von Hans Hempe

Es hat etwas Erregendes, die Entwicklung einer technischen Leistung von Anbeginn mitzuerleben. Das mag der Außenstehende empfunden haben, wenn er vor sechzig Jahren beim Daimler Gottlieb in Cannstatt in die Werkstatt schaute und vernahm, von jetzt ab würden Wagen gebaut, die ohne Pferde laufen sollten.

Da hatte der Chronist eines Tages durch einen reinen Zufall herausbekommen, der vom Flugzeugbau her bekannte Konstrukteur Professor Messerschmitt habe ein neues Verfahren entwickelt. mit dem er Häuser auf dem Fließband herstellen wolle. Er fand am Stadtrand Münchens einige versteckt liegende Büroräume, in denen lebhaft arbeitende Männer in ihm die Überzeugung weckten, er sei hier mit seiner Wißbegier fehl am Platz. Doch fand sich eine mitleidige Seele. Der Professor habe zu arbeiten, außerdem würde demnächst sowieso eine Presseführung veranstaltet werden, aber wenn er wolle, möge er sich nach dem naheliegenden Solln begeben, da sei gerade das erste Versuchshaus in der Montage. Der Chronist wollte.

„Ich bin nicht der Bauführer“, sagte lachend der Mann in einer alten, verschossenen Fliegerkombination und mit einem nicht dazu passenden Filzhut auf dem Kopf. „Gehen Sie mal zu dem da, das ist der Richtige.“ Später stellte sich heraus: der Mann mit dem unpassenden Filzhut war Messerschmitts ehemaliger Einflieger und der zweimalige deutsche Kunstflugmeister Willi Stör, der hier volontierte. Der „Richtige“ gab die Auskünfte, die man brauchte. Er zeigte quadratische, rechteckige und dreieckige Bauplatten aus Schaumbeton, Stahlträger und Dachstuhlträger aus geschweißten Stahlrohren. Aus diesen Bestandteilen – man nennt sie Bauelemente – montieren sie ihre Häuser.

..Bei uns muß alles passen“

Dann fand sich der Chefkonstrukteur ein, der einmal nach dem Rechten, sehen wollte. Auch er kommt aus dem Flugzeugbau. Ein in mittleren Jahren stehender, vitaler, aufgeschlossener Mann. Typ des gegenwartsnahen, begeisterten Technikers.