Die Kürze der Laufzeit – bis Ende Juni – erklärt sich aus der allgemeinen Umstellung der von Großbritannien geschlossenen Handelsverträge auf den „Marshall-Plan-Kalender“, der für den innereuropäischen Handel wegen der europäischen „Bezugsrechte“ gegenüber anderen europäischen Ländern im Augenblick wichtiger ist als der gregorianische. Für die verbleibenden 16 Wochen Zukunft des Abkommens hielt man es offensichtlich nicht für erforderlich, an die großen strukturellen Fragen des deutsch-britischen Handels heranzugehen. Die offizielle Verlautbarung begnügt sich mit der Feststellung, daß die drei Westzonen für 22 Mill. £ nach England und in die Kolonien ausführen (gegen 26 Mill. £ im gesamten Kalenderjahr 1948) und für 30 (21) Mill. £ einführen sollen. Die Sterling-Bestände, die sich dem Vernehmen nach im vergangenen Jahr bei der JEIA ansammelten, würden also dieser Rechnung zufolge herangezogen werden. Inwieweit die deutschen „Bezugsrechte“ unter dem kleinen Marshall-Plan, von denen noch etwa 8 Mill. £ offen sind, in diese Handelsvereinbarung einbezogen sind, wurde nicht mitgeteilt.

Die Art der Waren, die England und Deutschland tauschen werden, ist weiterhin auf „Notwendigkeiten“ beschränkt – und das heißt Schrott, Kali und Holz aus Deutschland gegen Gummi, Wolle, andere Textilfasern und Nichteisenmetalle aus dem Empire. England selbst wird einige Spezialmaschinen und andere Fertigwaren beisteuern. Westdeutschland wird „begrenzte“ Ausfuhren von Textilien und anderen Fertigwaren nach Großbritannien und vor allem in die britischen Kolonien senden können. Die Erwähnung anderer Fertigwaren für die Kolonien scheint einen wesentlichen Schritt vorwärts zu bedeuten, nachdem manche britische Kolonial-Gouverneure die Londoner Instruktionen über „vorsichtige Dispositionen bei Einkäufen aus Dollarländern“ – zu denen Deutschland in Abwesenheit detaillierter Handelsabmachungen zählt – zu mehr oder weniger vollständigen Verboten für deutsche Wareneinfuhren benutzt hatten.

Dieser Fortschritt. ist sehr begrüßenswert, wurde doch Westdeutschland durch derartige globale Schranken unnötig behindert. Im übrigen kann man sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, daß der erste Vertragsversuch nicht gerade sehr vielseitig ausgefallen ist. Holz, Schrott. Kali und billigster Baumwollstoff für die Weiterverarbeitung durch die britische Exportindustrie, das ist wohl nicht ganz der Beitrag zur allgemeinen europäischen Erholung, den sich die deutschen Exporteure und die amerikanischen Verwalter der Marshall-Hilfe vorgestellt haben. Früher waren Deutschland und England gegenseitig mit die besten Kunden und tauschten viele Spezialitäten aus – nicht nur „Notwendigkeiten“. Die Tatsache, daß sie auf den Weltmärkten Konkurrenten waren, änderte nichts an diesem herzlichen Tauschverhältnis. Heute gewinnt man den Eindruck, als ob England nicht nur die eigenen Spezialitäten, sondern auch die Spezialitäten aller Konkurrenten selbst herstellen möchte. Frankreich, Belgien, die Schweiz, sie alle klagen über die Einengung des britischen Marktes. Es scheint, als ob in diesen Chor bei den Besprechungen über den deutsch-britischen Handel für 1949/50 auch die Sprecher Westdeutschlands werden einstimmen müssen, um einen normalen deutschen Export in das Sterling-Gebiet möglich