Von unserem Frankfurter Korrespondenten

R. S., Frankfurt, im März

Man soll nicht, wenn man sich nur ein paar Tage in einem großen Land aufgehalten hat, generalisierende Werturteile über dessen Probleme abgeben.“ Mit dieser Einschränkung will Direktor Hartmann das Resumé seiner Eindrücke in London verständen wissen. Wie in allem, so ist er auch hier in seinem Urteil eher vorsichtig als voreilige Aber man kann, wenn man sehenden Blicks Land und Leute zu beobachten versteht, auch in sechs; Tagen allerlei Interessantes feststellen. Bekanntlich sind es oft die Kleinigkeiten, in denen sich charakteristische Züge einer ganzen Nation spiegeln.

„Ich habe den Leuten zugeschaut“, erzählt Hartmann, „wie sie sich benehmen, wenn sie auf den Autobus warten. Es gibt kein Gedränge wie bei uns, kein Stoßen. Man stellt sich, ohne daß die Polizei dabei mithelfen müßte, zwei zu zwei an. Kommt der Autobus, dann steigt man ein, ohne daß die hinten Stehenden nach vorne drängen. Ein kleiner Zug, gewiß, aber es drückt sich in ihm eine gegenseitige Rücksichtnahme aus, die der behördlichen Regelung entraten kann. Und solche Selbstdisziplin zeigt die Bevölkerung auch dort, wo es um Wichtigeres geht. Man hat den Eindruck, daß sich die Menschen in England für den Staat viel mehr verantwortlich fühlen als bei uns. Sie schimpfen natürlich auch über die Regierung, Aber sie tun nicht so, als wäre sie irgend etwas Fremdes, das sie im Grunde nichts anginge. Man urteilt in England nicht so leichtfertig über Steuerhinterziehungen wie bei uns – ein Problem, das den Finanzdirektor besonders interessiert. Steuerdefraudationen gelten in England nicht als Kavaliersdelikte.“

„Ich war gerade drüben“, fuhr er fort, „als die Textilbewirtschaftung aufgehoben wurde. Am Tage nach der Bekanntmachung ging ich mit meinem Begleiter in mehrere Geschäfte. Nirgends ein Andrang, nur ein paar Frauen fragten nach Wäschestücken. Ob das bei uns wohl auch so gewesen wäre? Gewiß, die Not ist hier größer, aber es steckt doch auch ein Stück Selbstdisziplin in jener Haltung, die man nicht unterschätzen sollte“, meint Hartmann. „Die Demokratie ist im Bewußtsein des englischen Volkes tief verankert. Man fürchtet sich nicht, zum Beispiel dem Schatzkanzler Ermächtigungen zu geben, die bei uns sofort warnende Erinnerungen wachrufen und deshalb abgelehnt würden und“, lächelt er, auf noch gar nicht so lange zurückliegende Vorgänge im Wirtschaftsrat anspielend, „auch abgelehnt wurden. Andererseits“, fährt er fort, „ist der britische Schatzkanzler auf den vollen Gebrauch seiner Vollmacht gar nicht so sehr erpicht. Er selbst berief ein Sachverständigenkomitee ein, obwohl ihn das Gesetz nicht dazu verpflichtet. Und – das wäre bei uns nur schwer vorstellbar – der Vorsitzende der Kommission ist ein Konservativer, also einer von der Opposition.“

Gerade für dieses Zusammenspiel zwischen Regierung und Opposition hat Direktor Hartmann viel Verständnis. Demokrat aus Oberzeugung, hat er auch seine eigene Verwaltung nach demokratischen Grundsätzen organisiert. Wenn ihr Außenstehende zuweilen vorwerfen, daß sie zu langsam arbeite, so ist dies wohl auf unzulängliche Sachkenntnis zurückzuführen. Da sind die beiden Finanzausschüsse des Wirtschafts- und des Länderrates. Die Gesetzesvorlagen gehen zwischen ihnen oft monatelang hin und her, und so lange muß eben die Finanzverwaltung warten. Auch auf andere Stellen, zum Beispiel die alliierte Bankenkommission, muß sie Rücksicht nehmen. Nicht zuletzt spielt auch die Technik den Verwaltungen oft einen Streich. In manchen Fällen hat es sechs Wochen gedauert, bis ein fertiggestelltes Gesetz auch fertig gedruckt war.

Direktor Hartmann nimmt solche unzutreffenden Vorwürfe gegen seine Verwaltung -gelassen hin. Er gehört nicht zu denen, die bei jeder Gelegenheit auf ihr Prestige bedacht sind. Den Dienst an der Sache und nur diesen hat er zum ( Wertmaß seines Handelns gemacht. Es kursieren keine Anekdoten über ihn. Ein Finanzmann habe in allem hinter der Sache zurückzustehen, meint er. Aber es wäre falsch, wenn man ihn deshalb für den Typus eines Nur-Fachmannes halten würde. Humanist aus Passion, vergräbt er sich auch heute noch, wenn er eine freie Stunde hat, in die Bücher der Alten und weiß in vielen von Einen nicht weniger gut Bescheid als in seinen Steuergesetzen. Er ist ein „Feind aller Ismen“. als Mann der Praxis versteht, er sich ausgezeichnet auf den Ausgleich widerstreitender Interessen, und das kommt ihm im Zusammenspiel mit den Ländern zugute. Obwohl er den Finanzministern gegenüber keine Weisungsbefugnis hat, verstand er es bisher noch immer, in freiwilligen Vereinbarungen mit ihnen seine Politik durchzusetzen, Eine schwere Kunst, die im stillen geübt sein will.