In der Proklamation Nr. 2 des Alliierten Kontrollrats vom 20. September 1945 wurde verfügt, daß die deutschen Behörden gemäß Anordnung der Alliierten Vertreter Transportmittel, Anlagen, Ausrüstungen und Material aller Art, Arbeitskräfte, Personal und fachmännische und andere Dienste zum Gebrauch innerhalb und außerhalb Deutschlands zur Verfügung zu stellen hätten. Schon auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 hatten die Großmächte beschlossen, daß Kriegsgefangene nach Abschluß der Feindseligkeiten zu Arbeitsleistungen verpflichtet werden könnten und daß Reparationen von Deutschland nicht nur in Form von Sachlieferungen, sondern auch durch den Einsatz deutscher Arbeitskräfte zu fordern wären.

In diesen Erklärungen wird der Mensch der Ware gleichgestellt. Hier findet sich der Freibrief zur Festhaltung von Kriegsgefangenen über die bedingungslose Kapitulation hinaus, der Freibrief zu Deportationen beliebigen Umfangs. Nach Völker- und Menschenrecht dagegen besteht der Sinn der Kriegsgefangenschaft ausschließlich darin, daß der Gefangene verhindert werden soll, an weiteren Kriegshandlungen teilzunehmen. Nach Völker- und Menschenrecht darf niemand aus seiner Heimat zur Zwangsarbeit ins Ausland deportiert werden. Die bedingungslose Kapitulation vom Mai 1945 schloß jede Möglichkeit aus, daß ein deutscher Kriegsgefangener nach seiner Freilassung noch an kriegerischen Handlungen teilnehmen könnte. Und es ist ebensowenig zweifelhaft, daß die bedingungslose Kapitulation an der Rechtlosigkeit von Deportationen nicht das geringste geändert hat. Seit dem Mai 1945 hatte jeder deutsche Kriegsgefangene das Recht auf Rückkehr in die Heimat, ebenso wie jeder deutsche Zivilist den Anspruch auf Schutz gegen Zwangsverpflichtung ins Ausland hatte.

Die Beschlüsse von Jalta wurden nicht nur von der Sowjetunion gefaßt, die Proklamationen des Kontrollrats trugen nicht allein die sowjetische Unterschrift. Die Westmächte beschlossen und proklamierten gemeinsam mit den Sowjets. Für die deutschen Kriegsgefangenen hieß das: Arbeitskraft ist wichtiger als Menschenwürde; Macht geht vor Recht. Das ist eine bittere Feststellung, die wir den westlichen Alliierten nicht ersparen können. Sie wird nicht dadurch zunichte gemacht, daß diese westlichen Alliierten heute Protestnoten, nach Moskau richten, weil die Sowjets entgegen den Abmachungen von 1947 die deutschen Kriegsgefangenen nicht bis zum Ende des Jahres 1948 in die Heimat zurückgeschickt haben. Aber nicht das ist das Schlimmste, daß die Sowjets diesen Termin nicht einhielten. Unser Protest gilt der Tatsache, daß zahllose Deutsche zwischen 1945 und 1948 in Rußland zugrunde gegangen sind. Unser Protest richtet sich dagegen, daß überhaupt Kriegsgefangene jahrelang festgehalten werden konnten mit Zustimmung der Westmächte, unter Beteiligung der Westmächte. Von der Rechtlosigkeit zur Unmenschlichkeit ist es nur ein Schritt. Von der Arbeitskraft als Ware zur Sklavenarbeit, die Leben und Gesundheit gefährdet, ist es nur ein Schritt. Ein Staat muß sehr human sein, um die Garantie dafür zu bieten, daß dieser Schritt nicht getan wird. Haben die Westmächte in Jalta und späterhin ernsthaft geprüft, ob der Sowjetunion diese Humanität zuzutrauen wäre?

Man sagt uns oft, wir zeigten zuwenig Dankbarkeit, und man nennt dann die Marshall-Hilfe oder die Luftbrücke. In diesen Fällen ist der Vorwurf berechtigt. Aber es fällt uns schwer, Dankbarkeit aufzubringen für die Proteste, die die Westmächte jetzt wegen unserer Kriegsgefangenen nach Moskau richten. Es fällt uns schwer, darin etwas anderes zu sehen als den sehr verspäteten Versuch zur Einlösung einer mitverschuldeten Schuld. Die Not der in Rußland Gefangenen ist unsere schwerste, unsere menschlichste Sorge. Hier können wir nicht bitten und nicht danken, hier müssen wir fordern. Und unsere Forderung an die Westmächte heißt: Ihr dürft diese letzten Hunderttausende nicht untergehen lassen, wie vor ihnen andere Hunderttausende untergegangen sind. Das Recht dieser mißhandelten Menschen ist so heilig wie eure Pflicht, zu helfen und zu retten. Wir werden nicht müde werden, euch an diese Pflicht zu erinnern. Fr.