Von Stefan Vollrath

Die welt- and menschheitsgeschichtliche Zeitlage unserer Tage hat viele Denker auf den Plan gerufen, die sich bestimmt fühlen, das allgemeine Geschehen, dessen Zuspitzung zu einer Weltentscheidung von niemandem mehr verkannt wird, zu deuten und womöglich zu beeinflussen. Es unterscheiden sich dabei ziemlich deutlich zwei Gruppen, deren eine – es ist natürlich diejenige, die am lautesten redet und am willigsten gehört wird – ein Denken vertritt, das selbst nur Ausdruck jener Wertentblößung ist, die eben diese Zeitlage verursacht hat, während die andere sich zu einem Standpunkt oberhalb der Augenblickssituation aufschwingt und bestrebt ist, neue Werte aufzurichten oder die unverminderte Gültigkeit der alten, verleugneten und verlorenen nachzuweisen.

Zu dieser zweiten Gruppe gehört – sofern es statthaft ist, eine eigengeprägte denkerische Persönlichkeit in dieser Weise einzurubrizieren – Gerhard Nebel. Er ist einer der eifrigsten Verehrer Ernst Jüngers; aber diese Verehrung erinnert stark an die tiefe Devotion, die Anton Bruckner, der weitaus größere musikalische Genius, vor Richard Wagner, empfand, dem er freilich die technischen und ausdruckskünstlerischen Anregungen verdankte, die ihm erst die Zunge zur eigenen Sprache lösten; der sein Vorbild war, das er musikgeistig überflügelte, ohne sich gerade dieser entscheidenden Tatsache bewußt zu werden. So hat auch Nebel von Jünger eine gewisse Begriffsweit, eine gewisse Terminologie übernommen. Aber genau im Sinne jenes Beispiels wirkte die Anregung nur als ein Finden seiner selbst, so daß es in seiner Entwicklung daher auch keinen Bruch, nicht einmal Sprünge gibt.

So ist Nebel auch niemals „Krieger“ gewesen und hat die atavistische Bedeutung dieses Begriffs – vollends als eines Ideals – nicht erst durch Entwertung von außen her einzusehen brauchen. Seine Linie ist von Anfang an klar, sein Denken viel weniger angestrengt und vom Willen diktiert als das Jüngers, sondern von intuitiver Ursprünglichkeit. Wie überhaupt auf Seiten Nebels eine ungleich saftigere Vitalität vorherrscht, die auch seinen Stil bei aller Wohlüberlegtest und begrifflichen Gebundenheit von der auf die Dauer peinlichen Kunstgewerblich keit des Vorbilds durch ein erfrischendes Temperament abweichen läßt.

Da Nebels Grundproblem das Verhältnis des Menschen zur Urtatsache des „Seins“ ist, kreisen seine Gedanken vor allem um die menschlichen Erscheinungspole der Persönlichkeit und der Masse. Als „Kriegsknecht wider Willen“ hat er das Dasein im Massenhaften persönlich erlebt und erlitten. Die beiden Tagebücher „Bei den nördlichen Hesperiden“ und „Auf ausonischer Erde“ (Marées-Verlag, Wuppertal) geben ein Spiegelbild dieser Erfahrung und der Gegenkräfte, die der Mensch zu mobilisieren vermag, um sich in der Umklammerung durch das Massenhafte als Persönlichkeit zu behaupten und selbst in dieser Lage noch auf Wertzuwachs bedacht zu sein. Eine solche Haltung setzt freilich schon eine ungebrochene Wertsubstanz voraus. Aber daß auf die Erhaltung dieser Substanz oder ihre Neuerwerbung schlechthin alles ankommt, das eben wird in diesen Lebensdarstellungen unzweideutig klar. Das Buch „Tyrannis und Freiheit“ (derselbe Verlag) behandelt diese Frage losgelöst vom im engeren Sinne Persönlichen des Verfassers. Auch hier steht das genannte Grundproblem im Mittelpunkt aller Überlegungen, die jedoch auch wieder an Erfahrung anknüpfen: die allgemeine der jüngeren und jüngsten politischen Vergangenheit. Hier legt Nebel besonders eindringlich dar, daß alle Formen kollektiven Lebens, Denkens, Fühlens und Wollens die Essenz des Massenhaften in sich tragen und, so sehr sie auch Wirklichkeiten, keineswegs schwächer als das Persönliche, sind, doch rang- und wertmäßig niedrigerer Art und bestimmt, allmählich überwunden zu werden, wenn wirkliche Verantwortung wieder erstehen soll. Jede kollektive Bindung – von der Familie angefangen, über die Nation und der Rasse bis zur Abstraktion des Staates – alles Biologische und Organisatorische kann und darf niemals die letzte, oberste Instanz sein, sondern dies darf eben allein das „Sein“, das nicht nur eine Formel für äußerste menschliche Sinngebung und äußerste Wahrhaftigkeit, sondern die große, alles andere übergreifende, es ein ermöglichende Realität ist. Als solche hat es freilich auch die kollektiven Formen sind biologischnaturgegebenen Tatbestände gesetzt, aber nicht als Unabänderlichkeiten, sondern als Aufgabe; sie müssen als Stufen und Mittelwerte verstanden werden, in denen sich niemals die ganze Fülle und der letzte Sinn des Menschseins – und noch weniger seine letzte Verantwortlichkeit – verwirklichen können.

Die gleiche Frage des Verhältnisses zwischen Persönlichkeit und Kollektiv bildet auch den eigentlichen Kern eines philosophischen Buches von Frank Thieß: „Ideen zur Natur- und Leidensgeschichte der Völker“ (Wolfgang-Krüger-Verlag, Hamburg). In Ergänzung seines „Reich der Dämonen“ baut der Dichter hier eine weiträumige Geschichtsbetrachtung auf, die mit anderen Mitteln (nämlich nicht so sehr genialischer Improvisation als methodischer Deduktion) und mit betonter Objektivität im Sinne eines Anscheins von Verzicht auf ein persönliches Anliegen, natürlich auch mit einer gänzlich anderen Terminologie, hinsichtlich der Klärung jenes Verhältnisses doch hart in die Nähe der Nebel sehen Einsicht führt. Thieß will keine. Forderungen stellen, sondern, scheinbar unbeteiligt, reine Fakten darlegen. So stellt er – der Absicht nach – keine Wertkategorien auf, unterscheidet zwischen Kollektiv und Einzelmensch nicht rangmäßig, sondern betrachtet sie als „Organismen“ mit gleichen Ansprüchen – um am Ende doch das „freie Selbst“ als „einzige und größte Kostbarkeit unseres armen Lebens“ namhaft zu machen und in seiner Erneuerung die Rettung der Menschheit zu ersehen. Allerdings läßt er dabei den Menschen völlig auf sich selbst angewiesen bleiben; denn weder kennt Thieß eine allumfassende Realität von der Kraft des Nebelschen „Seins“ (der „Geist“ ist etwas anderes), noch ist ihm das Religiöse, speziell das Christliche, mehr als eine von vielen auswechselbaren (überdies abgetragenen) Hüllen ethischer Wertigkeit, jedenfalls keine transzendente Wirklichkeit, keine gültige Orientierungsmarke. Diese Feststellung mindert natürlich nicht die An-sich-Schlüssigkeit einer philosophischen Gedankenkette, aber sie deckt doch einen wunden Punkt auf, indem nämlich hier (nachdem die nihilistische Konsequenz des Massenhaften wohl erkannt worden war) der Einzelmensch selbst in und auf ein jNichts gestellt wird – denn als solches erweist sich denn doch in dieser selbstischen Losgelöstheit von allem und allen Bindungen der menschliche „Geist“. Es ist nicht ersichtlich, aus welcher Kraft dieses verlorene Wesen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf seiner gegenwärtigen Situation ziehen sollte, zumal es obendrein in dieser Darstellung mehr oder minder wehrlos dem Automatismus eines (woher gelenkten?) „geschichtlichen Gefälles“ preisgegeben ist.

Als reine Denkarbeit und als Dokument universalen Wissens imponiert dieses Buch von Frank Thieß unbedingt. Im Endergebnis richtet es ein neues Fragezeichen auf, das weit beunruhigender wirkt als die Ungewißheit, die Gerhard Nebel etwa bei demjenigen Leser hinterläßt, der mit seinem Fundamentalbegriff des Seins kein Wirklichkeitsgefühl, keine haltgebende Vorstellung verbinden kann.