Blutrünstigkeit der französischen Kinderzeitungen

Eins schickt sich nicht für alle oder, „wie wir Lateiner sagen“: Quod licet jovi – non licet bovi – wobei „bovi“ hier getrost mit „boche“ gleichgesetzt werden kann. Während man nämlich unseren kleinen. Jungen die Holzschwerter aus den Händchen ringt, den Indianerkopfputz aus Hühnerfedern mißtrauisch beäugt, die Bleisoldaten in lammfromme Tiere umgießt und sogar die alten Märchen ihres „gewalttätigen“ Charakters zu entkleiden versucht, nimmt in unserem Nachbarlande Frankreich die martialische Tendenz im Zeitvertreib der Kinder beängstigende Formen an. Nun sieht zwar Frankreich auf eine der ältesten militärischen Traditionen Europas zurück – nicht umsonst sind die klassischen – militärischen Bezeichnungen französischer Abstammung –, aber selbst dem im Bewußtsein dieser Traditionen stolz geschwellten französischen Erzieher wird bänglich zumute, wenn er an die Lieblingsbeschäftigungen seiner kleinen Zöglinge denkt. Nicht nur, daß sich die französische Spielzeugindustrie militärische Aufrüstung zum Gesetz gemacht zu haben scheint; auch die in Frankreich sehr verbreiteten Kinderzeitungen und Jugendbroschüren haben nach dem Krieg einen betont blutrünstigen Charakter angenommen.

In den letzten Jahren.sind in Frankreich von Jugendlichen eine Anzahl aufsehenerregender Verbrechen begangen worden. Als man versuchte, hinter die psychologischen Voraussetzungen dieser Taten zu kommen, mußte man feststellen, daß neben dem Film und den billigen Kriminalromanen auch die schlechten Kinderzeitungen einen verhängnisvollen Einfluß ausüben und oft erst das eigentliche „Klima“ für das spätere Verbrechen ermöglichen. So wurde auf einer „Ausstellung für Kinder- und Jugendpresse“ in Paris dokumentarisch belegt, daß 88 v. H. aller jugendlichen Verbrecher in Frankreich begeisterte Leser jener gewissenlos aufgezogenen, minderwertigen Jugendlektüre sind. Anderseits hat der angesehene französische Anwalt, Mitglied der „Academie Française“, Maurice Gorçon auf Grund seiner jahrzehntelangen Erfahrung bestätigt, daß derartig reißerische Zeitungen mit ihren „sensationellen Enthüllungen“ und suggestiven Illustrationen geradezu den Anstoß zum Verbrechen geben können.

In Frankreich gibt es neben den zum internen Gebrauch bestimmten Zeitungen der Boy-Scouts und sonstigen Jugend verbänden etwa 30 für Knaben gedachte Zeitschriften. Natürlich sind nicht alle minderwertig im eben angedeuteten Sinne. Aber die guten alten Blätter können sich neben den vulgären, überreichlich mit Illustrationen im amerikanischen Bildstreifenstil versehenen Neugründungen nicht mehr behaupten. Wenn nicht ein Verlag dahinter steht, der sich ein Zuschußunternehmen aus repräsentativen Gründen leisten kann, gehen sie ein. An der Spitze der fragwürdigen Produktion steht die Wochenzeitschrift „Tarzan“ – der Herr des Dschungels – mit der stattlichen Auflage von 210 000 Exemplaren. Bald hinterher kommt „Coq hardi“, ein Blatt, das es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, die Flamme des Deutschenhasses bei der französischen Jugend zu schüren – „spécialisé dans le boche“ wie eine große französische Zeitschrift es charakterisierte! Der von den Kriegsereignissen noch fieberhaft erregten Jugend setzt man in derartigen Blättern gleichzeitig oft mehrere bluttriefende Kriegsgeschichten vor – ein glänzendes Geschäft! Auch der amerikanisch aufgezogene. „Hardi Donald“ gehört zu den Schlagern der französischen Jugendpresse. Demgegenüber muß hervorgehoben werden, daß die unter kommunistischem Einfluß stehenden Kinder- und Jugendzeitungen, vor allem „Vaillants“ (für Knaben) und „Vaillantes“ (für Mädchen) sehr viel sorgfältiger und verantwortungsbewußter gemacht sind. Das gleiche läßt sich von den konfessionellen Jugendblättern sagen.

Einen verhängnisvollen Einfluß jedoch haben die aus den USA massenweise importierten, an sich völlig harmlosen Bildstreifen, die sogenannten „flans“ auf die französische Jugendpresse gehabt. Zunächst wurde offenbar mißverstanden, daß diese abenteuerlichen und primitiven Bilderfolgen für Erwachsene gedacht sind und in Amerika auch tatsächlich mit Begeisterung und großer Anteilnahme von einem zwar naiven aber doch erwachsenen Massenpublikum konsumiert werden. Dann stellen sich diese im Rahmen eines UNESCO-Abkommens über den „freien intellektuellen Austausch“ nach Frankreich gefluteten „flans“ wesentlich – nämlich achtmal billiger als die Arbeiten der einheimischen Zeichner. Kein Wunder, daß sie von geschäftstüchtigen Herausgebern von Kinder- und Jugendzeitungen mit Freuden aufgenommen wurden. Und da kann nun der kleine heißblütige Franzose den „Gang“, die „Supermen“, makabre Verbrechen, „Pin-up-Girls“ in verführerischen Posen und vor allem die Herrschaft des Revolvers – alles Dinge, die in den USA keineswegs für Kinder bestimmt waren – in Reinkultur betrachten und mit einem angenehmen Gruselgefühl genießen.

Allerdings haben sich verantwortungsbewußte Persönlichkeiten – Verleger, Erzieher, Juristen – und mehr und mehr auch die öffentliche Meinung gegen diesen Mißbrauch aufgelehnt. In der Presse wurde eine Kampagne gegen den „Skandal der Kinderzeitungen“ eröffnet. Die vereinten Bemühungen führten schließlich sogar zur Eingabe eines Gesetzentwurfs, der die Kontrolle der Kinder- und Jugendpresse im Rahmen eines richtigen Statutes vorsieht. Dieser Gesetzentwurf wurde eine Schwergeburt. Ein kommunistischer Versuchsballon platzte bereits 1947. Dem kommunistischen Begehren nach dem Einfuhrverbot der amerikanischen „flans“ konnte aus diplomatischen und politischen Erwägungen nicht stattgegeben werden. Schließlich arbeiteten Vertreter der interessierten Ministerien gemeinsam ein Gesetz aus, das der Nationalversammlung vorgelegt wurde und noch seiner Bestätigung harrt. Es sieht sowohl Maßnahmen zur Hebung des Niveaus der Kinder- und Jugendzeitungen, als auch Strafen für Verstöße gegen die Gesetzesvorschriften bis zu 500 000 Francs Geldbuße, einem Jahr Gefängnis und Liquidierung der Zeitung vor. Zudem sollen die amerikanischen Bildstreifen den Kontrolle bestimmungen, die für die französischen Zeichnungen und Illustrationen gelten, unterworfen werden. Alix Berdolt-Stieger