Ein Hauptschrittmacher des Jedermann-Programmes, der Jedermann-Schuh, hat, wie es scheint, jetzt schon sein Ziel erreicht: er ist überflüssig geworden. Seit Weihnachten etwa ist eine radikale Änderung in der Nachfrage-Situation eingetreten – freilich haben die Monate Januar und Februar immer ein stilles Schuhgeschäft zu verzeichnen. Das Angebot übertrifft nun die Nachfrage; der Kaufdrang der Verbraucher ist einer Verkaufslust der Fabrikanten und des Handels gewichen. Die Schuhbewirtschaftung könnte aufgehoben werden... Die Einfuhr von Häuten und Leder und die dadurch mögliche Produktion von Schuhen, bei entsprechender Kostendegression, führten die Wendung herbei. Nachdem im Rahmen des Marshall-Plans für 6,7 Mill. $ Fertigleder eingeführt worden war, haben sowohl der Nordwestdeutsche Gerberverband als auch das Wirtschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen mit Rücksicht auf die Lederindustrie, die erst mit etwa 60 v. H. ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigt ist, Bedenken gegen eine, weitere Lieferung im Werte von 4 bis 6 Mill. $ erhoben und darauf hingewiesen, daß die in diesem Jahre geplante Häuteeinfuhr, die das Vier- bis Fünffache des vorjährigen Umfanges (im Werte von 10,7 Mill. $) ausmacht, den Bedarf der Doppelzone decken wird.

Von der Schuhproduktion Deutschlands 1937 (80. Mill. Paar Leder-Straßenschuhe) entfielen ungefähr je 2/5 auf das Gebiet der heutigen französischen Zone und der Doppelzone. Im großen und ganzen ist dieses Kräfteverhältnis auch heute trotz einzelner Neugründungen und Verlagerungen nicht wesentlich verändert. Aber der Beschäftigungsstand, ist in der Doppelzone, in der die Kapazität der Fabriken mit etwa 70 v. H. ausgenützt wird, wesentlich besser als in der französischen Zone, wo die Betriebe noch unter der Bewirtschaftung, unter dem kleinen Markt und unter erschwertem Rohstoffbezug leiden. Der Jedermann-Schuh durfte im französischen Besatzungsgebiet nicht hergestellt werden. In der Doppelzone, wo etwa 45 v. H. der Erzeugung auf die britische und 55 v. H. auf die amerikanische Zone entfallen, wurden bis zur Währungsreform monatlich 1,3 Mill. Paar Lederschuhe hergestellt –, jetzt dagegen 2,7 Mill. Paar, wozu noch 300 000 Paar aus der französischen Zone kommen, so daß monatlich 3 Mill. Paar zur Verfügung stehen, die dir Markt zur Zeit nicht aufnimmt: aber nicht etwa, weil er gesättigt wäre, sondern weil die Käufer nach Deckung des dringendsten Bedarfes und infolge der Preissenkungen während der letzten Zeit allgemein zurückhaltender geworden sind.

Diese Lage prägte, sich auch deutlich auf der Zweiten Kölner Schuhfachmesse aus, der ersten wirklichen Kölner Verkaufs- und Handelsmesse der Nachkriegszeit. Das Angebot der gegenüber der Herbstmesse um 170 auf 450 gestiegenen Ausstellerzahl aus den drei Zonen war erstaunlich reichhaltig und genügte allen Anforderungen in Qualität, Geschmack und Mode, besonders in Damenschuhen Es kam bei starkem Besuch (9500 Einkäufer) zu befriedigenden Abschlüssen. Aber der Käufer ist in jeder Hinsicht, in Qualitäts- und Preiswünschen, sehr anspruchsvoll geworden. Hochwertige Markenschuhe bekannter Firmen wären besonders gefragt. Schuhe aus genarbtem Leder, bedingt durch die Qualität des eingeführten. Materials, erfreuen sich wegen der allgemeinen Abneigung gegen jede Uniformierung keiner. Beliebtheit, so daß es schwerfällt, diese Sorte trotz Preisherabsetzungen zu verkaufen. Die Einkäufer hielten sich im allgemeinen zurück, da sie noch Lagervorräte haben, auch, weil die kreditpolitische Lage zur Vorsicht mahnt und Hoffnung auf weitere Preissenkungen besteht. Ob sich diese Hoffnung erfüllt, wird von Fabrikanten und Großhändlern vielfach bezweifelt – von etwaigen Notverkäufen abgesehen. Die Lage bleibt aber unübersichtlich; die weitere Entwicklung der Rohstoffpreise ist schwer zu übersehen, ebenso das Lohnproblem, sowie die Wirkung einer Vereinigung der drei Westzonen, wonach die Schuhindustrie der französischen Zone stärker auf dem Markte im gesamten Westen erscheinen könnte. S...r