Gw., London, Ende März

Der Weg nach Westen, den jetzt deutsche Fabrikanten und Exporteure befliegen werden, ist sehr belebt. Denn jenseits des Atlantiks wächst jenes seltene Kraut, Dollar genannt, das den Platz des Goldes als das angebliche Allheilmittel für alle materiellen Bedürfnisse eingenommen hat. Die deutschen Aussteller auf der Musterschau der alliierten Militärregierungen werden daher von ihren Konkurrenten aus England, Frankreich, Italien, Skandinavien mit sehr kritischen Augen gemustert werden: keineswegs willkommen als ein weiterer Besucher im Dollargarten, der nicht nur sehen, sondern auch pflücken möchte.

Welches Sträußlein werden die deutschen Aussteller mit nach Hause bringen können – welche Samen werden sie säen können, deren Früchte später zu ernten wären? Aus den zahlreichen Äußerungen anderer europäischer Verkäufer und Marktbeobachter, die sich in den letzten Monaten über die Aussichten in den USA unterrichtet haben, ergeben sich einige Grundzüge, die auch für die deutschen Besucher manchen Wink enthalten. Zunächst heißt es übereinstimmend, daß man sich weder durch begeisterte noch durch entmutigende Kommentare in New York allzusehr beeinflussen lassen soll. New York kann das Sprungbrett für die Wiederaufnahme deutscher Ausfuhren in die USA werden – und es gibt wohl kein anderes Sprungbrett mit gleich starker Federung. Doch es kann niemals Maßstab sein für die Möglichkeiten, die sich später eröffnen werden. „Studiert den Binnenmarkt, reist in das Land hinein, kümmert euch um Kunden außerhalb New Yorks!“ – das ist die fast schon stereotype Mahnung, die den britischen Exporteuren immer wieder mit auf den Weg gegeben wird.

So schwierig es für die ersten Flugzeugladungen deutscher Besucher sein wird, persönlich weit über New York hinauszukommen, so werden sie sicherlich gut daran tun, schon bei ihrem ersten; Aufenthalt sich um die Verbindungen in kümmern, die die ersten, Maschen eines eigenen Vertreternetzes von Küste zu Küste abgeben könnten. Eine Wanderausstellung repräsentativer deutscher Qualitätsprodukte wäre sicherlich der nächste zu erstrebende Schritt.

Dazu muß allerdings auf einen wesentlichen Unterschied in der Auslegung des Begriffs „Qualität“ hingewiesen werden. Der deutsche Fabrikant versteht darunter gern eine Ware, die sich von bester handwerklicher Leistung nicht unterscheiden läßt, auch wenn sie von Anfang bis Ende maschinell hergestellt worden ist. Für diesen hohen Grad handwerklicher Fertigung ist das Verständnis drüben zwar im Wachsen, jedoch noch nicht so weit ausgeprägt, daß bereits der zusätzliche Preis bewilligt würde, den dieser Qualitätsstand fordert.

Es kommt also darauf an, für Spitzenerzeugnisse – Massenfabrikate vermag der Amerikaner sehr viel besser und billiger herzustellen als irgendein europäisches Land – eine Form zu finden, in der sich erstklassige Fertigung und Preiswürdigkeit begegnen. Dabei kommt den europäischen Produzenten eins zur Hilfe: der Amerikaner hat definitiv begonnen, sich von der Schablone zu einer etwas individualistischeren Wahl seiner Gebrauchsgüter zu bewegen. Das gilt nicht nur für die Mode, in der zumindest die Damenwelt stets nach der eigenen Note sucht, das gilt auch für Möbel, Beleuchtungskörper, ja auch für Spielwaren. Es geht also darum, etwas „Besonderes“ zu zeigen, das jedoch nicht zu weit von der Grundrichtung des amerikanischen Geschmacks entfernt ist. Das Studium dieses Geschmacks und die Mühe um die Einfühlung in diesen Geschmack sollten also für die weitere Entwicklung des deutschen Absatzes manches versprechen.

Für deutsche Kraftwagen wird ja der amerikanische Markt kaum in Frage kommen, aber es lohnt doch, auf die typischen Ursachen der britischen Kleinwagenerfolge in den USA zu achten: Hier ist durch systematische Bearbeitung eines latent vorhandenen Bedarfs ein dauerhafter Markt in einer besonders günstigen Zeit entwickelt worden, als Kraftwagen selbst in den USA knapp waren. Manche amerikanische Familie hat einen britischen Kleinwagen als zweites Auto angeschafft, um sich im Stadtverkehr damit besser bewegen und den Wagen leichter parken zu können. Hier hat die britische Autoindustrie eine Pionierarbeit auf dem USA-Markt geleistet, die inzwischen auch von Frankreich (Renault) und Italien (Fiat) ausgenutzt wird. Andere britische Spezialprodukte sind irisches Leinen und schottischer Whisky, die „im Rennen um den Spitzenabsatz Hals an Hals liegen“, wie es ein britischer Beobachter in einem etwas gewagten Bild ausdrückte. Die Schotten haben noch ein Pferd im Rennen, ihr „schottisches Karo“, bei ihnen zu Hause stolzes Zeichen der Clan-Zugehörigkeit, in den USA augenblicklich für alles in Mode, von der Milchmädchenschürze bis zum Badezimmervorhang. Wo die deutsche Spezialleistung liegen könnte, wird sich noch erst herausstellen müssen, doch sollten Kameras eine führende Rolle; spielen können.