Von Norbert Jacques

Im Rosgartenmuseum in Konstanz liegt ein Knochen, in den vor 20 000, vielleicht vor 30 000 Jahren die Hand eines unbekannten Künstlers mit Auge und Empfinden anspringender Unmittelbarkeit ein weidendes Rentier eingeritzt hat. Die Eiszeit verschüttete die Landschaft, deren Kreis dieses ehrwürdige Dokument angehört, das man als das erste Kunstwerk Mitteleuropas bezeichnen kann. Jahrtausende beherrscht das zoologische Geschehen hier die Zeit, die stumm auf die Anrufe kulturgeschichtlicher Fragen bleibt; denn das vereiste Land muß die Abwanderung des Rheingletschers abwarten. Dessen Sterben läßt den Bodensee entstehen. In seiner ungeheuren Schlucht hatte der Gletscher einen letzten Unterschlupf suchen wollen. Der Rhein, der bisher nach Norden abgeflossen, wurde in seine westliche Richtung gedrängt und damit war der Gegend der Zu- und Abgang nach Westen gegeben, der ihre Pulsader werden sollte. Etwa in der Zeit, da des Königs Cheops zehn-, tausend Sklaven die Pyramide bauten, die noch heute besteht, entstand am Westufer des Sees der erste historisch sichtbar gewordene Staat. Menschengruppen hatten ihre Höhlen verlassen, erfaßt vom Durst nach Licht und Luft, nach Weite und Freiheit. Ihre Geräte und Waffen waren, verbessert worden. Sie holten in weiten Handelsreisen hartes Material heran. Sie wußten, wie es jenseits der Alpen aussah, kannten das Meer. Neue geologische Katastrophen griffen ein, und der Ruf der Fremde lockte zu den reicheren Staatengebilden an den Schweizer Seen; an denen man bereits Metalle kannte und aus ihnen die Instrumente, Geräte, Waffen, Schmuckstücke leichter und formenreicher zu fabrizieren wußte.

Wieder Schweigen im Raum, bis von irgendwo eine Völkerwanderung jenen Stamm ins Land gesetzt hatte, den die Schriftgelehrten die „Kelten“ zu nennen übereingekommen sind, weil sie nicht wissen, wer die Kelten waren. Am See hatte sich jedenfalls ein bedeutendes Handelszentrum an der Stelle des heutigen Bregenz ausgebildet, dem Beziehungen nach Belgien wie nach Italien nachgewiesen sind, und in das sich die Römer setzten, als Ehrgeiz und Angst sie über die Alpen zur Eroberung Europas trieb. Der Bodensee wurde für sie zunächst strategisches Gebiet, dann Etappe, dann blühende Kolonie und gegen 400 n. Chr., als die germanischen Stämme unter dem Druck der eingebrochenen asiatischen Horden ins Trecken gekommen waren, „Maginotlinie“, wiederum Etappe und bald verlorenes Land.

Und nun kam der Bodensee auf den Weg in seine eigene/große Geschichte. Zwischen den in den Süd- und Westraum eingeströmten Germanenvölkern setzte ein Kräftespiel ein, das wohl mit dem militärischen Sieg der Franken über die Alemannen, doch nicht mit einem moralischen Sieg endigte. Und zum erstenmal in der europäischen Geschichte trat das Christentum als Mittler der Politik auf. Die fränkischen Könige versuchten, mit ihm die geschlagenen Alemannen in das germanische Reich einzuordnen.

Wohl mißglückten die ersten Versuche, die im Auftrag des Frankenkönigs die irischen Mönche Columban und Gallus unternahmen. Die eingesessene Bevölkerung lehnte ihr unduldsames Auftreten gegen den angestammten Glauben ab. Doch führten Gründung und Wirken der Klöster auf der Reichenau und in St. Gallen in den folgenden Jahrhunderten zum Ziel. Die begrifflichen Trennungen verschwanden unter den Karolingern, die mit Hilfe der Musik, der Dichtung und der Malkunst das Christentum nicht nur zur Staatsreligion, sondern zum Staatselement machten. Das Deutsche Reich war gegründet. Seine Kaiser machten es sich zur Gewohnheit, ihre Söhne von den Bodenseemönchen erziehen zu lassen; der Adel folgte ihrem Beispiel, und durch das regelmäßige Erscheinen der Herrscher am Bodensee, durch die Residenzen, die einige von ihnen hier unterhielten, hielten sie diesen und seine Klöster in der Sphäre des Thrones und der Weltgeschichte.

Das Mittelalter entwickelte Konstanz zu einer der bedeutenden Handelsstädte der Welt und, in Wechselwirkung, zu der Kongreßstadt der Kaiser und der Kirche. Barbarossa schloß in ihr den Frieden mit den lombardischen Städten – nach der Gründung des Reichs wohl die bedeutsamste Staatshandlung des ganzen Mittelalters, weil sie den Grund zu dem Anstieg des Bürgertums legte und die Schwelle in eine neue Zeit bildete, in der bisher brach gelegene Kräfte freiwurden. Zunächst schien dem Bodensee auch die bedeutsame Rolle zugemessen, dem Reich die in neuen Begriffen sich regende Eidgenossenschaft zuzuführen und es an ihrem Gedanken von der „Freiheit des Mannes“ mit stark werden zu lassen. Aber die Politik der Habsburger und des Schwäbischen Bundes zerstörten die Aussichten im Keim. Die bald kommenden Bauernkriege, die ihren Ursprung in den Seegebieten nahmen, fanden im Truchseß von Waldburg den Würger, und durch diese Irrtümer der Geschichte ist am Südufer des Bodensees die politische Grenze mit der Schweiz entstanden, die keine volksmäßige Grenze ist.

Ein letzter Abglanz großer Zeit sollte vom See in die Geschichte dringen, als der Führer des Reiches, Kaiser Sigismund, das Konzil nach Konstanz berief. Aber es wurde nichts als eine vier Jahre dauernde internationale Riesenkirmes, die größte, die das Abendland gesehen. Nur an ihrem Rande lag die Wiederentdeckung der verloren geglaubten klassischen Schriften, die ein italienischer Teilnehmer in den Klöstern der Gegend -aufspürte. Ihr Hauptzweck, die auseinandergegangene Einheit in kirchlichen Dingen wieder zusammenzuleimen, wurde nicht erreicht. Papst Martin V. wurde gewählt, um drei Gegenpäpste auszuschalten, doch diese resignierten nicht. Huß und Hironymus von Prag wurden verbrannt, aber ihre Lehre wirkte durch ihr Märtyrertum mit vervielfachter Kraft weiter und führte zu den blutigen Hussitenkriegen. Und dann entstand auf dieser Veranstaltung Preußen, als der Kaiser den Grafen Friedrich von Zollern mit der Mark Brandenburg belehnte.