Für den Abschluß der Debatten hatte die Verteidigung sich in der 18. Sitzung einen Zeugen von Rang in Reserve gehalten. Es ist der Nobelpreisträger Joliot-Curie, Chef des französischen Instituts für Atomforschung, ohne Zweifel der beste Kopf unter den Mitgliedern der KP Frankreichs. Er beginnt mit einer Ehrenerklärung für die Angeklagten Morgan und Wurmser, deren ganzes Leben ein schönes Beispiel von Rechtschaffenheit, Talent und Mut sei. Das Buch von Kravchenko habe er mit kritischen Augen, aber ohne Leidenschaft gelesen, wie einen Text, über den man sich eine Meinung zu bilden wünscht. Er habe den Eindruck, daß dieses Werk falsche Vorstellungen von der Atmosphäre und Lebensweise Rußlands gebe. So sei das, was Kravchenko über das Lehr- und Bildungswesen in der Sowjetunion schreibe, völlig abwegig. In keinem Lande der Welt sei wohl so viel für die Volksbildung getan worden wie dort, von den Sowjets!

Es ist peinlich, einen Mann von dem geistigen Rang und von den Verdiensten des Zeugen auf einen optischen Irrtum hinweisen zu müssen. Denn in keinem Land von Anspruch auf Weltgeltung war es so notwendig, Versäumnisse der Volksbildung nachzuholen, wie in Rußland!

In anderen Kapiteln des Buches habe Kravchenko, so meint Joliot-Curie, absichtlich alles in den Schmutz gezogen, was schön in Rußland sei. Gewiß, auch in Rußland gebe es Unerfreuliches wie in allen anderen Ländern, räumt er ein, aber immerhin...!

Wie in allen Ländern! Das eben wird von den dogmatischen Kommunisten mit hartnäckigem Chauvinismus bestritten. Nichts Sowjetisches ist überhaupt vergleichbar mit..., alles ist in Rußland absolut besser als anderswo, selbst der russische „Champagner“ ist dem aller anderen Weinländer überlegen, sogar dem des Landstrichs, nach dem das Getränk überhaupt seinen Namen trägt.

Hat sich nicht kurz nach der Befreiung Frankreichs in Paris folgende hübsche Begebenheit zwischen Offizieren einer Mission der Roten Armee und französischen Militärs zugetragen? Die Franzosen waren bei einem Empfang, den sie gaben, glücklich und stolz, in jenen Zeiten des Mangels ihren russischen Gästen einen klassischen Champagner besten Jahrgangs vorsetzen zu können. Auf die Frage, ob der Tropfen gefalle, erwiderte ein junger Sowjetoffizier – die Unterhaltung mußte auf Deutsch stattfinden, weil es die einzige Fremdsprache war, mit der diese Russen sich zur Zeit der Freundschaft Stalins und Hitlers ein wenig vertraut gemacht hatten –: „Franzuski Champagner serr gutt, aberrr russische Champagner noch beserrr, viel bessern!“ Von den Fremden bekanntlich an manche Seltsamkeiten gewöhnt, fragten die Franzosen, zunächst noch ohne Arg, welche Gegenden Rußlands die besten Weine hervorbringen, die sich zur Verschäumung eignen. Folgende Antwort erfolgte: „Nix Wein! Champagner, in Charkow zwei große Fabriken für Champagner, größte Fabriken der Welt!“ Worauf die Franzosen wie beschämt, aber diesmal voll Arg erwiderten, Frankreich sei auf industriellem Gebiet noch nicht weit genug gelangt, um Champagner fabrikmäßig zu produzieren, es gäbe nur Weingärten und Kellereien in der Champagne. Gutmütig klopften die Russen ihren französischen Kameraden auf die Schulter, es sei keine Schande für ein kleines Land, Champagner nur in Kellern zu machen.

Dies zum Kapitel der Volksbildung in Rußland, deren Einzigartigkeit es Joliot-Curie so sehr angetan hat, daß er sogar den Aufstieg Kravchenkos zum Ingenieur (also ist der Röhrenrecipient doch Ingenieur) als Argument für sie anführt. Auch das hat es also, nach Joliot-Curie, noch nie und nirgendwo in der Welt außer in Rußland gegeben, daß ein Besitzloser es bis zum Ingenieur gebracht hat! Abgesehen davon, daß die Sowjetelite mit dem Mehrwert der Arbeit großgezüchtet wird, welche die versklavten Massen leisten, und daß in Rußland die herrschende Schicht so gut wie in jedem kapitalistischen Land, nur unter anderen Formen, den Rahm von der Milch schöpft, sind der Beispiele unzählige von der Antike über das Mittelalter bis zu unserer Zeit, daß ein „Arbeitersohn“, wie Joliot-Curie sich ausdrückt, „es bis zum Ingenieur bringt“. Und weit höher als bis zum Ingenieur!

Man wundert sich, daß ein Mann wie der Zeuge, der seine glänzende Karriere ausschließlich seinem Genie und seiner legendären Arbeitskraft verdankt, das soziale Gefüge Rußlands so wenig durchschaut haben soll. Wahrhaft entsetzt ist man aber, aus diesem illustren Munde zum Schluß folgendes zu hören: „Zusammenfassend sage ich: Das Buch Kravchenkos ist mit dem Willen auf ein Ziel geschrieben, nämlich dem, das russische Volk zu befreien. Dieses ist aber befreit!“