Die Erschütterung über den allzu frühen Tod von Lecomte du Nouy (er zählte erst vierundsechzig Jahre) wird in Deutschland nur wenige Menschen treffen; denn außerhalb eines kleinen Kreises von Biologen und Physikern ist der Name dieses Mannes unbekannt. Wenn man erfährt; daß seine bedeutendsten Leistungen in der mathematischen Darstellung der Wundheilung, in grundlegenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Oberflächenspannung und in der experimentellen Erhärtung der Molekulartheorie des Plasmas bestehen, so ist der naturwissenschaftliche Laie vielleicht geneigt, diesem wissenschaftlichen Verdienst seine Krone zuzubilligen und sich dann „interessanteren“ Dingen zuzuwenden.

Die besondere Größe dieses französischen Gelehrten, der ein gutes Stück seines Herzens und seines Lebens den Nordamerikanern geschenkt hat, liegt aber nicht in seinen bedeutenden fachwissenschaftlichen Leistungen allein begründet. Sie beruht vielmehr auf seiner geistigen Universalität, auf der Güte seines Herzens und einer religiösen Leidenschaft, welche hin und wieder an die beschwörende Kraft alttestamentlicher Propheten erinnert. Die Wiedervereinigung von Naturwissenschaft – und Glaube ist in diesen letzten Jahren so oft bezeugt und beschrieben worden, daß wir sie heute nicht mehr erstaunlich finden. Dennoch bleibt sie das bedeutendste geistige Phänomen unserer Zeit, weil in ihr die einzige Hoffnung der abendländischen Kultur beschlossen ist.

Die geistige Universalität Lecomte du Nouys prägt sich schon in seinen akademischen Graden aus, die von der Naturwissenschaft über die Philosophie und Jurisprudenz bis zur Literaturwissenschaft reichen. Es war nur natürlich, daß ein so umfassender Geist sich im Laufe seines Lebens immer mehr von der experimentellen Wissenschaft abkehrte und der Philosophie zuwendete. Das erste von drei Büchern, welche die Universität Lausanne 1944 bei der Verleihung des Alfred-Raymond-Preises als den bedeutendsten Beitrag zur Philosophie der Naturwissenschaften während des letzten Jahrzehnts bezeichnete, erschien 1936 unter dem Titel „Le Temps et la Vie“; in ihm prägte der Verfasser den Begriff der biologischen Zeit der Lebewesen im Gegensatz zur physikalischen Zeit der toten Masse 1939 folgte „L’Homme devant Science“; hier wird das eigentliche Lebensproblem du Nouys angeschnitten: die Frage nach der Überwindung des Rationalismus und Materialismus. Die erste Antwort hierauf gab er 1942 in „L’Avenir de l’Esprit“. Dieses Buch erschien noch im besetzten Frankreich und verlebte dort innerhalb von acht Monaten nicht weniger als zweiundzwanzig Auflagen.

Während weiterer fünf Jahre reiften die Gedanken dieses Buches aus und erhielten dann im letzten Werk, das in Amerika entstand und auf Englisch geschrieben wurde, ihre endgültige Form; von „Human Destiny“ wurden in den Vereinigten Staaten innerhalb von neun Monaten mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft. (Eine deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Die Bestimmung des Menschen“ jetzt bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart erschienen.) Das Buch erstrebt und verkündigt die Synthese zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Seine wissenschaftliche Bedeutung gewinnt es aus der Darlegung einer neuen Evolutionstheorie: Gott hat die Welt durch die Entfaltung der Lebewesen geschaffen; diese Entfaltung findet ihren physiologischen Abschluß im Gehirn des Menschen, dauert aber fort auf einer höheren, erst sittlichen und dann rein geistigen Ebene und soll ihr Krönung finden in einem vollkommenen Menschenwesen, als dessen Vorbild und Verheißung Jesus Christus einst auf Erden gewandelt ist. Dieses Ziel ist von Gott bestimmt; ob es erreicht wird, hängt vom Menschen ab, dem es freisteht, der Mitarbeiter Gottes zu werden oder auf die Stufe des Tieres zurückzusinken. Aus dieser knappsten Zusammenfassung eines umfangreichen Buches könnte man schließen, daß es sich um das Werk eines religiösen Schwärmers handelte; es findet sich aber in dem Buch keine Behauptung, welche nicht wissenschaftlich sorgfältig belegt wäre, und der internationale Ruf des Verfassers dürfte die beste Garantie gegen naturwissenschaftliche Quacksalberei sein.

Pierre Lecomte du Nouy bangt um das Heil und die Zukunft der Menschheit. Er bangt nicht zuletzt um die Zukunft der christlichen Kirchen, deren Verhärtung in Dogmatik und Theologie er als das wesentlichste Hindernis auf dem Wege der Verkündigung des Evangeliums erkennt. Er bangt um die Zukunft des Erziehungswesens, dessen Verklammerung in wissenschaftlich längst überholten Anschauungen er als eine Hauptwurzel alles heutigen Leidens anklagt. Er bangt um die Zukunft der Politik, deren Beharren in nationalistischer Verkrampfung er für die Not der Völker verantwortlich macht. Er bangt vor allem um die Seele des einzelnen Menschen, dessen drohenden Untergang in der Masse er sich und uns vor Augen stellt.

Gegen diese Hydra der modernen Geistesverwirrung erhebt Lecomte du Nouy seine beschwörende Stimme. Mit der Wortgewalt der alten Propheten verbindet er die schlichte Güte der ersten Apostel. Neben den wissenschaftlichen Beweis der Unhaltbarkeit aller materialistischen Lehren stellt er die Forderung nach einem „akzeptablen Katechismus“ für den Menschen unserer Tage, der das reine christliche Dogma so wenig verstehen könne wie Einsteins Relativitätstheorie. Die Thesen dieses prophetischen Biologen enthalten viel geistigen Sprengstoff. Theologie und Naturwissenschaft werden ihm nicht aus dem Wege gehen können.

Helmut Lindemann