Als1923 der Berliner Universitätsprofessor Max Westenhöfer, der als Mitarbeiter Rudolf Virchows und Direktor des pathologischen Museums in Berlin, vor allem aber – auf Grund langjähriger Gelehrten Wirksamkeit in Chile – als Eroberer Südamerikas für die deutsche medizinische Wissenschaft einen internationalen Ruf genoß, seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung über die Menschwerdung herausbrachte, begann eine Revolution im stammesgeschichtlichen Denken. Zwar hatte auch der Münchener Paläontologe Edgar Dacqué etwa gleichzeitig in seinem berühmten Werk „Urwelt, Sage und Menschheit“ die übliche Anschauung, der Mensch sei ein stammesgeschichtlicher Spätling und komme von äffisch gestalteten Vorfahren her, mit stichhaltiger Begründung ins Wanken gebracht – was den Münchener Professor übrigens seinen Ruf als Ordinarius an die Universität Berlin gekostet hatte –; jedoch da Dacqué, wenngleich als Kenner der versteinerten Urkunden des Vorzeitlebens eine unbestrittene Autorität, nebenher viel Naturphilosophisches mit stark religiösem Einschlag veröffentlichte, konnte man ihn leichthin als „Spekulanten“ und „Metaphysiker“ abtun. Westenhöfer hingegen, forschungsmethodisch und im Denken ganz und gar Kind des neunzehnten Jahrhunderts, kämpfte so unangreifbar nüchtern mit den Mitteln von Gestern für Erkenntnisse von Morgen, daß jede seiner zahlreichen weiteren Veröffentlichungen einem Beilhieb gleichkam, der den so sorgfältig und phantasievoll konstruierten „Stammbaum der Organismen“, wie er Lehrbuch, Lexikon und Populärbroschüre ziert, bedenklich ins Wanken brachte.

Die Forschungen Westenhöfers wiesen nach, daß der Mensch innerhalb der Säugetierreihe das weitestgehend urtümliche Geschöpf ist, in leiblicher Hinsicht noch vollkommen unverausgabt und nach keiner Seite hin in die Sackgassen irgendwelcher Spezialanpassungen verrannt. Selbst die Menschenaffen sind weit mehr durchspezialisiert als er, sie haben beispielsweise eine auf bestimmte Weise umkonstruierte Hangelhand mit Daumenschwund, während der Mensch sich die universell brauchbare fünffingrige Urhand, wie sie nur den Anfangsformen der Wirbeltiere zukommt, bewahren konnte. Auch verfügt der Mensch noch über jenes unspezialisierte Gebiß ohne Schnauzenbildung, das wiederum urtümlich ist im Vergleich zum stark vorgewölbten, auswärtsgeneigte Zähne tragenden Menschenaffengebiß. Organ nach Organ untersuchte Westenhöfer gründlich und an Hand eines ungeheuren zoologisch-anatomischen Vergleichsmaterials, um schließlich den stammesgeschichtlichen „Eigenweg des Menschen“, der bis zur Wurzel der Säugetiere überhaupt und darüber hinaus zurückverfolgbar ist, überzeugend nachweisen zu können.

Zahlreiche Gelehrte des Auslandes – Anatomen, Zoologen, Botaniker und Erforscher des Löbens der Vorzeit – schlossen sich ihm an. In Deutschland hatte er mit eigenartigen Widerständen zu kämpfen. Als er kurz nach Anbruch der Hitlerära seine Theorie der Menschwerdung in einer Berliner wissenschaftlichen Gesellschaft vortrug, war keiner der eingeladenen Fachleute – unter denen sich die berühmtesten stammesgeschichtlichen Forscher der damaligen Zeit befanden – in der Lage, auch nur ein einziges Detail seiner Beweiskette anzugreifen oder gar zu widerlegen. Statt dessen brachte man einen „Mehrheitsbeschluß“ zustande, die Westenhöfersche Theorie sei abzulehnen: die Abstammungslehre war zur Abstimmungslehre geworden.

Von 1939 an griffen massive politische Motive in den Kampf um eine neue Theorie der Menschwerdung ein. Nach der alten, klassisch Darwinistischen Auffassung, wie sie besonders die Anthropologen der NSDAP verfochten, war der Mensch als ein im Abendrot der Braunkohlenzeit entstandener Menschenaffe zu verstehen, den die Eiszeit zu ganz besonders heftigem Daseinskampf genötigt hatte und der sich alsdann – nicht mehr wie einst von Hochasien, sondern vom Donauraum her – kämpferisch durchgesetzt hatte, mit dem Stoßtrupp der nordischen Rasse an der Spitze. Gegen andere Anschauungen schritt das SS-Hauptamt ein, so auch gegen die Westenhofen und seiner wissenschaftlichen Gefolgsleute. Sein Werk „Der Eigenweg des Menschen“, worin er seine sämtlichen stammesgeschichtlichen Arbeiten und deren Resultate systematisiert zusammengefaßt hatte, wurde unterdrückt. Neuauflagen und Pressebesprechungen mußten befehlsgemäß unterbleiben und sogar die Übersetzungen ins Französische und Italienische wußte man abzudrosseln.

Heute hat sich das Bild wesentlich geändert. Weshalb die nationalsozialistische Menschenkunde den im Daseinskampf brutal an die Spitze gelangten Schimpansen-Ahnen einem Menschen vorzog, der gerade umgekehrt durch die in ihm angestaute, unverausgabte Fülle der Werdepotenzen – also mit einem kindlich-urtümlichen statt mit einem kämpferischen Leibe gleichsam – zum Herrn der Erde wurde, ist inzwischen jedermann klargeworden. Zahlreiche deutsche Gelehrte von Rang und Ruf – darunter auch Soziologen, Philosophen und Psychotherapeuten – bekennen sich gegenwärtig, wenn sie in Büchern oder Aufsätzen die alte Frage nach dem Wesen des Menschen zu beantworten versuchen, überzeugt und überzeugend zu Westenhöfers Theorie. Aber das grundlegende Werk fehlte noch immer. Der fast achtzigjährige Forscher hat nunmehr, kurz bevor er einem neuen wissenschaftlichen Ruf nach Chile Folge leistet, die drei wichtigsten Kapitel: seines Werkes, ergänzt durch neue und vertiefende Gesichtspunkte, unter dem Titel „Die Grundlagen meiner Theorie vom Eigen weg des Menschen“ im Universitätsverlag Carl Winter, Heidelberg, erscheinen lassen. In dieser neuen Form hat das epochale Werk für den Nichtfachmann nur gewonnen, weil es auf die Überfülle anatomischer Details verzichtet und das Prinzipielle, ohne an Beweiskraft einzubüßen, klarer herausarbeitet. Da am Anfang aller menschlichen Fragen stets die nach dem Menschen selber stehen wird und muß, Westenhöfers Antwort darauf aber vom stammesgeschichtlichen Gesichtspunkt her die bestfundierte ist, muß diesem Buch weiteste Verbreitung gewünscht werden.

Herbert Fritsche