Jueri Jaakson und seine Ehefrau wurden unlängst vom Amtsgericht Oldenburg für tot erklärt. Wenn man hinzufügt, daß der in Oldenburg bescheinigte Tod vor Jahren in Sibirien erfolgte, bedarf – so scheint es – diese Nachricht einer Interpretation. (Kein außergewöhnliches Schicksal, in Sibirien zu sterben, nicht wahr?) Gleichwohl erhält die Nachricht Gewicht, wenn man sich erinnert, wer Jueri Jaakson war. Er war der Staatspräsident von Estland ...

Das Nachrichtenbüro, das die Meldung verbreitete, verschwendete ganze dreizehn Zeilen an die Mitteilung, daß der Präsident einer europäischen Nation gestorben sei. Der Präsident und seine Gattin starben bereits im Sommer 1943, nachdem die Sowjets sie aus Reval verschleppt und in ein sibirisches Lager geworfen hatten. An Bord eines Schiffes auf der Flucht nach Schweden aber starb die Tochter Lydia, deren Aufgebot auf Todeserklärung noch läuft. Und warum das Amtsgericht Oldenburg sich damit befaßt, hat seine Ursache darin, daß der Schwiegersohn Jaaksons, nämlich der einst in London attachierte estnische Diplomat Nicolai Raud Ware, augenblicklich in einem Lager für heimatlose Esten zu Oldenburg lebt: er war es, der die Todeserklärung beantragte.

Was ist geschehen? Ein europäisches Volk ist untergegangen, und ein Staatspräsident ist ohne Staatsbegräbnis beerdigt worden ... sonst gar nichts! vielleicht hat man ihn nicht einmal begraben, sondern verscharrt – in einem Massengrab, es soll dies in Sibirien üblich sein. Andere. Präsidenten republikanischer Staaten indessen leben noch, wie er einst lebte: sie regieren, empfangen Staatsbesuche. Sie sandten wohl Glückwunschadressen auch an ihn, den estnischen Präsidenten Jueri Jaakson, von dem heute das Amtsgericht in Oldenburg, gestützt auf Augenzeugenberichte, bekundet, daß er als Lagerinsasse starb, sang- und klanglos. Falls die Staatspräsidenten Europas überhaupt den Oldenburger Spruch vernehmen – spüren sie einen leichten Schauder von einer dunklen Wolke, die heraufgezogen ist und noch immer drohend am Himmel steht? M