Hermann Kasacks Roman „Die Stadt hinter dem Strom“, den der Suhrkamp-Verlag, Berlin, in neuer Auflage herausbringt, ist ein berühmtes Buch geworden. Zu folgendem Beitrag sagt der Dichter: „Die Aufzeichnung dieses Traums aus dem Herbst 1941 stellt wohl die Keimzelle zu dem Buch dar, das ich im Frühjahr 1942 zu schreiben begann. Daher mag die Veröffentlichung des ‚Totentraums‘ nicht nur für den künftigen Philologen, sondern auch für einen größeren Leserkreis aufschlußreich sein.“

Bei den Toten war ich. Um zu ihnen zu gelangen, hatte ich eine Tat begehen müssen, auf welche die Todesstrafe durch Enthauptung stand. Der Anlaß schien gering: es war ein Schmähruf gegen die Götter des Staates, den ich mitten über die Menge hin ausstieß. Die Strafe war gerecht: sie öffnete das Tor, das in die Hölle führte. Man vollzog sie sogleich vor aller Augen.

Doch verlor ich nicht das Bewußtsein, als man mir den Kopf abgeschlagen hatte. Ich stand da wie vordem, ohne zu taumeln, fühlte auch keinen leiblichen Schmerz. Ich stand da mit blankem Halsstumpf, ein Toter, dem ein einziger scharfer Schnitt das Leben von der Erde abgetrennt hatte, noch mitten unter der aufgeregt wogenden Menge, und selber im Räume des Todes. Schon manches Mal hatte ich ihn im Traum zu betreten geglaubt, jetzt aber hatte mich seine Wirklichkeit beim Wort ergriffen und sich meiner leibhaft bemächtigt: dies also war der Tod, und so die geheimnisvollen Rätsel, die die Toten uns aufgeben.

Inzwischen hatte man mir den abgeschlagenen Kopf wie einen Helm aufgesetzt. War auch, nach den anatomischen Gesetzen, die Einheit von Kopf und Leib zerstört, so schien ich doch noch in jedem der beiden zu hausen, als ob Blut und Denken nicht mit einem Schlage auslöschen, sondern erst allmählich verdämmern könnten. Während ich also den Menschen, die meine Hinrichtung gefordert hatten, sichtbar blieb, waren auch sie mir noch sichtbar, ja, es gesellten sich die Freunde hinzu, meine Kinder und meine Frau, und ich fühlte, wie ihre stumme Klage sich in meinem leblosen Auge spiegelte. Ich wollte ihnen nun Zeichen geben, wie es einem Toten zumute ist: daß er zunächst noch gar nicht abgeschieden ist, sondern alles von Erden her wahrnimmt, als gehöre er noch dem Kreis der Lebewesen zu. Ich erzählte von diesem seltsamen Zwischenzustand, in dem ich mich befand, aber bald merkte ich, daß mein Sprechen keine Laute mehr bildete (denn die Organe waren zerrissen); ich merkte es daran, daß niemand etwas hörte oder auch nur den inneren Vorgang wahrnahm, Da sah ich vor mir ein Blatt Papier, und glücklich über diesen Weg, schrieb ich nun mit dem Füllfederhalter auf, was mir so wichtig schien, schrieb, daß der Tod eine unmittelbare Fortsetzung des Lebens wäre, in einer von mir vorher nie so sicher geahnten Weise.

Ich wollte von allem genaue Botschaft und Kunde geben, aber schon nach den ersten Worten wurde das Schreiben immer mühsamer, die welke Hand vermochte immer weniger Halter und Papier zu fassen, sie rutschten immer wieder fort, so daß die Buchstaben wie geknickte Notenköpfe herabhingen und die Worte meinen beginnenden Sturz ins Abgründig-Entfernte gleichsam einzeln wiederholten und abmalten. Als sich jemand über den Anfang des Geschriebenen beugte, sah ich an seinen Augen, die über das Papier suchten, wie die Buchstaben vor ihm erloschen, bevor sich der Sinn entziffern ließ, alles schien nur mit Wasser geschrieben zu sein, übriggeblieben waren kaum deutbare Kratzspuren einer gespaltenen Feder, leere Rillen auf einem leeren Blatt Papier.

Noch immer wähnte ich mich sichtbar oberhalb der Erde, obwohl Teile von mir in eine grundlose Tiefe gezogen wurden und sich dort zu einem Schemen verdichteten, den ich wie ein Bild außerhalb meiner selbst welken und hantieren sah. Schon wurde ich anderen Gefangenen der Hölle zugewiesen und nahm auch die Gestalten der Wächter wahr, die wie herangezogene Pappfiguren auftauchten und dem Auge ins Riesenhafte wuchsen. Die Landschaft dehnte sich in einem endlosen lavaähnlichen Gestein, das sich in unregelmäßigen Blöcken schichtete. Was das Auge auch erblickte, alles war in ein bleigraues Licht getaucht.

Ein breiter Steinweg war so tief in den Grund gefurcht, daß man bis zur Brusthöhe zwischen Steinwällen zu gehen schien. Er lief im Kreise um einen Bergkegel, so daß man in gewissen Abständen, die aber zeitlich nicht mehr meßbar waren, immer wieder an die gleiche Stelle gelangte. Auch die Wächter tauchten immer an der gleichen Stelle auf. Von einem Toten, der schon länger in diesem Kreislauf der Unterwelt trieb, erfuhr ich, daß manche von ihnen freundlicher, die meisten aber mit zunehmender Stufung grimmig und böse waren. Er gab mir einige Ratschläge, zum Beispiel, wie ich beim Essen das Schlürfen des heißen Breies, der wie geschmolzenes Blei war, vermeiden könnte. Durch geschicktes Drehen der Hand ließe sich der Inhalt des Gefäßes unauffällig vorbeischütten, ohne daß die Wächter es bemerkten. Doch gelang es mir nicht, mich dieses Handgriffes zu versichern.