Wir geben die Hoffnung nicht auf, daß die Einheit Deutschlands wiederhergestellt wird, was niemand auf die Dauer verhindern kann“, sagte Außenminister Bevin während der letzten Deutschlanddebatte im britischen Unterhaus. Eine völlige Blockade Ostdeutschlands würde der Anwendung von Sanktionen gleichkommen. und Sanktionen könnten leicht zum Kriege führen. Zu Beginn der Berliner Blockade seien alle diese Fragen ausführlich beraten worden. Schließlich sei mit der Luftbrückenaktion dem sowjetischen Vordringen zum erstenmal Einhalt geboten worden. Dabei koste ein Jahr Luftbrücke nur soviel wie ein Tag Krieg. „Wenn wir hingegen Berlin geräumt hätten, so wäre es sehr schwierig gewesen, Deutschland zu halten.“ Die Preisgabe Berlins hatte nicht nur zu einer Schwächung der Moral bei den Deutschen geführt, sondern sich auch auf die allgemeine Lage in Frankreich und Italien ausgewirkt.

Im weiteren Verlauf seiner Erklärung ging Bevin auf die Stellung Westdeutschlands zum Europäischen Rat und die Lockerung der Einschränkungen für die deutsche Industrie ein. „Die britische Regierung kann gewisse Industriezweige in Deutschland erst dann freigeben, wenn Deutschland in die Gemeinschaft der Nationen aufgenommen worden ist, und wenn ihm wieder Vertrauen entgegengebracht werden kann.“ Die Frage der Verstaatlichung der deutschen Schwerindustrie streifte er mit den Worten: „Man hat behauptet, daß eine Verstaatlichung der deutschen Grundindustrien die letzte Voraussetzung zur Wiederherstellung eines nationalistischen Deutschlands sei, und daß durch sie ein Krieg wieder möglich werde. Ich bin der Ansicht, daß es niemals zu einem Kriege gekommen wäre, wenn die deutschen Industrien vor dem Auftauchen Hitlers anstatt in den Händen Krupps im öffentlichen Besitz gewesen wären.“

„Die Haltung Großbritanniens zu den Deutschlandproblemen könne dahingehend zusammengefaßt werden“, sagte Außenminister Bevin, „daß wir versuchen werden, ein Viermächteübereinkommen zu erlangen.“ Er, Bevin, müsse die Verantwortung für diese Politik tragen, weil er seinerzeit der Koalitionsregierung angehörte, die sie eingeleitet habe. „Ich will,-auch nichts von dem rückgängig machen, was getan worden ist. Ich muß hinnehmen, was in Jalta geschehen ist, weil wir es billigten. Ich muß auch hinnehmen, was in Potsdam geschah.“ Zu den Fragen der Handelsbeziehungen mit Rußland und den Satelliten sagte Bevin schließlich noch, die Sowjetunion habe nur auf politischem Gebiet Vereinbarungen gebrochen, dagegen auf dem Gebiet des Handels sich an Verträge gehalten.

Bevins Erklärung, die unmittelbar vor seiner Abreise nach Washington abgegeben wurde, ist aufschlußreich besonders im Hinblick auf die Befürchtungen, welche der führende konservative Abgeordnete Macmillan geäußert hatte. Macmillan hatte in der Eröffnung der Debatte die Besorgnis ausgesprochen, daß die Sowjetunion eine „trügerische Versöhnungspolitik“ in bezug auf Deutschland einleiten werde. „Ich glaube“, sagte er, „daß dies in der Form eines Angebotes vor sich gehen wird, mit Deutschland einen Friedensvertrag abzuschließen, der das Ende der gemeinsamen Besetzung Deutschlands vorsieht. Dies wäre eine tödliche Falle, der ‚Kuß des Todes‘. Das Ergebnis würde sein, daß die Gangster-Streitkräfte, die im Laufe, des letzten Jahres, in Ostdeutschland unter dem Befehl der Paulus-Offiziere ausgebildet worden sind, in Deutschland genau dasselbe tun würden, was in der Tschechoslowakei getan worden ist. Mit einem Schlage würde dann der Kommunismus am Rhein, stehen. Wir würden über Nacht die Früchte eines sechsjährigen Krieges verloren haben. Das Ruhrgebiet würde in die Hände des Feindes fallen. Dies vor allem muß verhindert werden.

Die Offenheit, mit der alle diese Fragen diskutiert werden, ist bezeichnend für das Andauern der internationalen Spannungen. Dabei kann man sich oft des Eindrucks nicht erwehren, daß Deutschland nur als ein Objekt behandelt wird, obwohl es offensichtlich an diesen Fragen ebensosehr, wenn nicht am meisten interessiert ist.

Die drei Außenminister sollen nach der Unterzeichnung des Atlantikpaktes in Washington auch über die künftige Entwicklung Westdeutschlands beraten. Sie sollen über den Aufschub der Demontage von etwa 160 westdeutschen Industriewerken und auch über eine Revision der in Potsdam festgelegten Liste verbotener Industrien verhandeln. Schließlich soll eine Entscheidung über das Besatzungsstatut, das in der Dreimächte- – kommission vor längerer Zeit in eine Sackgasse geraten ist, gefällt werden. Vielleicht werden sie sich bei dieser Gelegenheit auch der deutschen Interessen erinnern. Dies würde jedenfalls fruchtbarer sein, ab jede deutsche Reaktion mit dem schwer definierbaren Begriff des Nationalismus abzutun.

Uns scheint es, daß Mr. Hynd, der frühere Deutschlandminister, nicht ganz unrecht hatte, wenn er in der gleichen Unterhausdebatte sagte: „Der Frieden in Europa wird in Zukunft am meisten vom Nationalismus bedroht sein. Die Entscheidung über die Frage jedoch, ob Europa nationalistisch oder internationalistisch sein soll, liegt nicht in der Hand der Deutschen, sondern bei uns. Das Ziel eines geeinten und demokratischen Europas können wir aber nicht durch das Ruhrstatut erreichen, denn es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Fremdherrschaft. Wir können uns nicht darüber beklagen, wenn die Deutschen es als einen Versuch von uns ansehen, günstige Positionen für den Wettbewerb zu erringen, der in Europa in Zukunft unausbleiblich sein wird.“

B–w