Es gibt noch keine zusammenhängende, quellenkritisch fundierte, wissenschaftlich einwandfreie Darstellung des deutschen Widerstandes gegen Hitler. Was Gisevius, von Hassell, Kordt, Schlabrendorff, was Roepke, Paetel, Pechel, was Andreas-Friedrich und Allen Welsh Dulles beigesteuert haben, sind Bausteine sehr verschiedenen Wertes; es reicht nicht hin, um das antihitlersche Widerstandsphänomen der Mitwelt in seinen Bedingungen und Beziehungen zu erklären und der Nachwelt ein sauberes sicheres Fundament für die Erforschung der nationalsozialistischen Katastrophenepoche zu geber.

Hans Rothfels, einer der angesehensten Schüler Friedrich Meineckes, früher Ordinarius für Neuere Geschichte in Königsberg, 1939 nach den USA ausgewandert, heute Professor für modern; Geschichte an der UniversitätChikago, hat neuerdings ein Bändchen „The German Opposition to Hitler“ (Hinsdale, Illinois USA 1948) erscheinen lassen, das auf Grund veröffentlichten und unveröffentlichten Materials eine ausgezeichnete Darstellung der deutschen Widerstandsbewegung in Lichte der Forschung bietet. Rothfels’ Studie, geschrieben aus guter Kenntnis der Vorgänge und der beteiligten Personen, vertieft durch das Studium von Tagebüchern, Memoranden, Testamenten, Privatbriefen und Erlebnisberichten alle-Art, klärt die in aller Welt noch immer lebhaft erörterte Frage, ob wirklich ernsthaft von einer deutschen Widerstandsbewegung größeren Ausmaßes von innen heraus, von einer deutschen Antinazi-Organisation gesprochen werden kann. Der Autor setzt sich mit der in den Vereinigten Staaten weit verbreitern Meinung auseinander, daß nur Abenteurer und Desperados die Bewegung gegen Hitler getragen hätten, und er erörtert in dem Kapitel „Obstacles to truth“ die Gründe, wieso sich im Ausland die Vorstellung von der Bedeutungslosigkeit der Opposition festsetzen konnte. Rothfels beabsichtigt keine Glorifizierung der Widerstandsträger; er will nüchtern aus den erwiesenen Tatsachen belegen, daß der Widerstand gegen Hitler starke Wurzeln in allen Volksschichten hatte, daß er aus sehr verschiedenartigen Quellen gespeist wurde und aus aller, möglichen Kreisen kam, und er will zeigen welche Stadien die gegnerische Entwicklung durchlief und wie weit sie schon vor dem Kriege gediehen war. Es waren liberale, konservative und sozialistische Elemente, militärische und zivile in bunter Mischung; eine Bewegung, in der freilich vieles ungegoren war und blieb. Rothfels betont gegenüber den kurzsichtigen, einseitigen und übelwollenden Beurteilern, daß die führenden Köpfe des Widerstandes, mochten sie vor noch so ausgesprochen militärischer und aristokratischerGrundlage her wirken, nicht aus Berufs- oder Standesmotiven dabei waren, sondern aus übernationalen, moralischen undhumanen Einsichten. Das gemeinsame Ziel der Widerstandskräfte war die Wiederherstellung der Menschenwürde, der Achtung der Wahrheit und des Rechts, war der Aufstand des rein Menschlichen gegen den „Übermenschen“. Rothfels, weist mit Recht auf die überzeitliche Bedeutung der Oppositionsgeister als Menschheitsbefreier, als Pioniere der echten Humanitas, als „standard bearers in the midst of chaos“ hin. Er macht kritische Vorbehalte gegenüber Gisevius, wendet sich gegen die Schlüsse aus den Naziverbrechen, die zu einer unsachlichen Verallgemeinerung in der These der Kollektivschuld und in der Beurteilung des deutschen Volkscharakters geführt haben. Er deutet an, warum die deutsche Widerstandsbewegung vom Ausland totgeschwiegen oder verkleinert oder absichtlich übersehen werde.

Wer über die deutsche Widerstandsbewegung sachlich urteilen will, darf die Verschiedenheit der Bedeutung bestimmter Begriffe und Vorstellungen im politischen Sprachgebrauch Europas und der USA nicht übersehen. So bedeuten „liberal“ und „konservativ“ bei uns und in Übersee so verschiedenes, daß sich bei der kritiklosen Anwendung dieser Wörter schiefe Urteile und falsche Blickrichtungen kaum vermeiden lassen.

Hans Rothfels hat der historischen Wissenschaft und seinem deutschen Vaterland mit seiner Studie einen wertvollen Dienst geleistet. Er hat einen grundlegenden Beitrag zur Schuldfrage gegeben und dokumentarisch sichergestellt, daß die deutsche Widerstandsbewegung keine rein politische, sondern eine moralische, eine christliche, eine humane, eine Angelegenheit des Geistes und des Gewissens war, deren Mißerfolg noch keineswegs hinreichend erklärt ist. Es ist zu wünschen, daß Rothfels’ Publikation recht bald auch der deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde. Johannes Schadewaldt