Deutschland war nicht dabei, als in Paris die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Und in der Frage des Elternrechts scheint Deutschland nicht nur räumlich, andern auch geistig abwesend gewesen zu sein. In der Charta nämlich heißt es: „Die Eltern haben das erste Recht, die Art der Schulerziehung zu bestimmen, die ihren Kindern zu gewähren ist.“ Bei uns dagegen ist dieses Vorrecht der Eltern vor dem Staat keineswegs selbstverständlich. Bei uns ist der Staat durchaus nicht jederzeit gewillt, die Elterninstanz anzuerkennen. Das zeigte sich bei den Verhandlungen des Parlamentarischen Rates in Bonn. Das geht aber auch aus den Methoden hervor, mit denen in mehreren deutschen Ländern die Frage der Schulreform behandelt wird.

In Bonn haben Kardinal Frings im Namen der katholischen Bischöfe und Bischof Lilje als Sprecher des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands gegen ein Staatsmonopol im Schulwesen Stellung genommen. Nach katholischer Lehre stammt die Verantwortung der Eltern für eine christliche Erziehung ihrer Kinder aus dem von Gott gewollten Naturrecht. Die evangelische Kirche gründet das Elternrecht auf die Verpflichtung zur christlichen Erziehung, die die Eltern bei der Taufe ihrer Kinder übernehmen. Beide Konfessionen stimmen darin überein, daß der Staat – und sei er noch so demokratisch – nicht totalitär sein darf. Nicht der Staat, sondern die Eltern sollen darüber zu entscheiden haben, ob die Kinder in eine Bekenntnisschule oder in eine Gemeinschaftsschule gehen, ob der Religionsunterricht ein ordentliches Schulfach ist oder nicht.

Dieses christliche Elternrecht ließe sich weltlich dahin ergänzen, daß auch diejenigen Eltern, die außerhalb der Kirche stehen und nicht wünschen, daß ihre Kinder am Religionsunterricht teilnehmen, das Recht haben müssen, entsprechend zu verfahren. Ebensowenig kann den Eltern das Recht verwehrt werden, ihre Kinder einer privaten Schule anzuvertrauen. Und schließlich muß den Eltern überhaupt, im Sinne der Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen, zugestanden werden, daß sie in erster Linie über die Art der Schulerziehung ihrer Kinder zu bestimmen haben.

In Bonn ist in der Elternrechtsfrage nicht mehr zustande gekommen als ein Kompromiß: Danach bleibt vieles den Landesverfassungen und der Landesgesetzgebung überlassen. Das Bonner Grundgesetz bietet keine Gewähr dafür, daß das Elternrecht in den deutschen Ländern hinreichend geachtet wird. Die Eltern werden sich daher vor allem auf der Ebene der Länder gegen staatsmonopolistische Schulpläne zu wehren haben. Eltern nämlich sind nicht in erster Linie CDU-Eltern oder SPD-Eltern. Sie sind vor allem Väter und Mütter ihrer Kinder, in einer sehr menschlichen, sehr persönlichen Aufgabe und Verpflichtung. Die Parteizentralen, die bis auf weiteres unseren Staat gepachtet haben, scheinen noch immer nicht bemerkt zu haben, daß sie ihre Wähler nicht gepachtet haben. In der Schulfrage haben die Eltern die beste Gelegenheit, dies deutlich zu machen.

In Schleswig-Holstein wurde vor einem Jahr die Schulreform parteipolitisch durchgepaukt. Das Gesetz zeichnete sich durch nichts anderes aus als durch seine Kürze. Es hatte nur zwei Paragraphen:

§ 1

Die Grundschulpflicht wird auf sechs Jahre ausgedehnt.