Von Ernst Kreuder

Im Zeitbild der Überschallgeschwindigkeit, der Transozeanlinien und der Weltkonferenzen muß die Existenz des Dichters unscheinbar, wenn nicht unverständlich wirken. Man wird ihn als eine Spezialistenabart betrachten, als unwissenschaftlichen Fachmann, als eine Art seelischen Bastlers.

Für die realistischen Praktiker, die das Bild unserer Öffentlichkeit modifizieren und es bereits in ungeheuerlichstem Maße verunstaltet haben, verbleibt der Dichter in selbstgewählter Harmlosigkeit, da ihn die nichtöffentlichen Anliegen beschäftigen die seelische Situation des Menschen in der Welt und die Vollendung eines künstlerischen und schöpferischen Werkes. Selbst die heutige Literaturkritik findet das Dasein des Dichters im Gegenwartsbilde nur noch mittelbar vor. Gewohnt, den schöpferischen Prozeß als unvermeidlich zu betrachten, als eine Art Naturereignis, geht diese Kritik, der Verwunderung und Erstaunen fremd scheinen, nach wie vor emsig und munter daran, den Rang einer „Neuerscheinung“ einer Verlagspublikation, zu bestimmen. Diese Situation zwar ist für die Dichter noch nicht entmutigend, solange sie unbehindert publizieren können. Erst wenn die literarische Produktion nicht mehr von ebenbürtigen kritischen Instanzen gefördert wird, beginnt der Niveauverfall.

Diese Produktion ist mit ihren bedeutendsten Namen seit 1945 bei uns keineswegs unübersichtlich. Im Gedicht haben Gottfried Benn („Statische Gedichte“, Verlag Der Arche), Elisabeth Langgässer („Der Laubmann und die Rose“, Claassen & Goverts) und Wilhelm Lehmann („Entzückter Staub“, „Der grüne Gott“, Lambert Schneider) hohe Substanz bekundet. Im Roman sind Hans Henny Jahnn („Das Holzschiff“, Weismann), Hermann Kasack (“Die Stadt hinter dem Strom“, Suhrkamp) und Elisabeth Langgässer („Das unauslöschliche Siegel“, Claassen & Goverts) von gültiger, europäischer Bedeutung. Mit einem schmalen Bändchen („Drei alte Männer“, Limes) beginnt eine deutsche Literatur im abendländischen Sinne wieder dort, wo die Literatur als geistige Kunst verstanden wird. Dieser Essay von Gottfried Benn, die existentielle Situation des Menschen in unserem Säkulum erhellend, erweist sich in Substanz und Form als meisterlich.

Die Mehrzahl der Kritiker aber hat bei alledem weder Erstaunen noch Verwunderung gezeigt. Die Kritik wird wohl auch weiterhin weder Erstaunen noch Verwunderung zeigen; das Beste erscheint ihr auch heute selbstverständlich genug. Und dies, während der Durchschnitt unserer Autoren sich in zunehmendem Maße einer Schreibart bedient, die ebenso ungewichtig wie ausdrucksflach nur die Funktion besitzt, Stoff und Thema an den Lesenden heranzubringen! Hier sollte die Kritik erkennen und zugestehen, daß die unzulänglichen Ausdrucksmittel niemals durch ein selbst bedeutendstes Thema, durch einen aktuellsten Stoff „geheiligt“ werden.

Sieht man von den oben angeführten Werken ab, von weiteren wenigen Namen einer disziplinierten Sprache in der Prosa und im Gedicht (Emil Belzner, Karl Krolow, Horst Lange, Oda Schaefer, Hanns Ulbricht), so zeigt die deutsche Literatur der Gegenwart beinahe schon eine Schreibstufe, die sich dem Mitteilungstext nähert, dem Nachrichten-„stil“, der offiziösen Bekanntmachung. Die sprachliche Formkraft der Schreibenden droht der Verkümmerung zu erliegen. Unterstützt wird dieser Niedergang durch pseudoliterarische Parolen, hinter denen sich nicht nur künstlerische Unfruchtbarkeit, sondern vor allem die Neigung verbirgt, es sich sprachlich so leicht als möglich zu machen. Eine dieser Parolen lautet: „Das eigentliche Anliegen des Schriftstellers ist nicht die Kunst, sondern der Mensch.“ Aber man sollte aus einem Ohnmachtsanfall keine Tugend machen und aus der Ausdrucksverarmung keinen Ansporn, denn es handelt sich nicht nur um das Niveau der Sprache, das verloren zu gehen droht, es handelt sich vor allem um einen Denkfehler. Man versuche nur einmal den umgekehrten Prozeß, nämlich Thema, Inhalt und Konstruktion eines mittelguten „Schriftstellereiromanes“ (ein Wort von Alfred Döblin) umzuschreiben, sprachlich ins Künstlerische zu bringen, und man wird an der geistigen Kümmerlichkeit dieser „stofflich“ interessanten Lektüre scheitern. Die künstlerische Form, Größe, Klang und Tiefe eines Stils sind keine „schöngeistigen“ Angelegenheiten, sondern das Geheimnis schöpferischer Konzeption. Wenn zwei dasselbe schreiben, ist es nicht mehr dasselbe.

Mit „realistischen“ Parolen aber wird einem Ressentiment gegen die Kunst Vorschub geleistet, einer Voreingenommenheit; die nicht erst seit heute bei uns im Schwange ist. Wenn erst die Kunst – geschweige denn die religiösen und philosophischen Bemühungen nicht mehr die Anliegen des Menschen sind, dann wird einer Gesinnung technischen ..Nützlichkeitsdenkens und damit einem Weltbild ehrfurchtsloser Gewinnsucht der Freibrief ausgehändigt. Und sollte die Kritik weiterhin keine künstlerischen Leistungen von der Literatur mehr fordern, dann wird schließlich das sozialethische Traktat an die Stelle des Sprachkunstwerkes treten.