Es genügt nicht, den Krieg zu verdammen, man muß ihn in seinem Un-Wesen und Un-Sinn begreifen. Es reicht nicht hin, den blinden Militarismus und das wilde Landsknechtstum mit Worten abzulehnen, wenn man nicht die geheimen Krankheitsherde in der eigenen Seele auszurotten gewillt ist. Hier hilft kein Wenn und Aber, hier geht es nur um klare Entscheidung bei allen und jedem-

Vor einigen Monaten legten der Verlag Rowohlt (Hamburg) in der Reihe seiner Rotationsdrücke und der Verlag L. Schwann (Düsseldorf) in Buchform gleichzeitig ein Werk des französischen Dichters Antoine de Saint-Exupery vor: „Terre des hommes“ ist der französische Titel, den die deutsche Übertragung wenig sinngemäß in „Wind, Sand und Sterne“ umänderte. Saint-Exupéry, der Dichter, ist Flieger, er ist Flieger mit Leidenschaft, er ist ganz in Ikarus Bann verstrickt. Aber für ihn ist das Flugzeug nicht Zweck, sondern Mittel, nur Mittel zum Aufbruchaus einem schmerzvollen, zerstörten und zerstörenden Gestern zu einem ersehnten und erhofften neuen Morgen. Mittel auf dem Wege in die unerfüllte – und vielleicht unerfüllbare – Unendlichkeit, zu Gott. „Nur der Weg zählt. Gott wird nie erreicht. Er bietet sich dar, der Mensch baut sich in den Raum wie Astwerk“, so schrieb er in seinem jüngst erschienenen Nachlaßwerk „Citadelle“. Sein Fliegerbuch ist eines der schönsten dichterischen Zeugnisse für Frankreich, für uns, für alle Menschen: „Nicht wahr, Kameraden? Wir suchen ja nicht die Gefahr. Das ist Wichtigtuerei; mit den Stierkämpfern habe ich nichts gemein. Ich suche das Leben. Der Krieg betrügt uns: denn der Haß erhöht das Hochgefühl des Kampfes nicht. Wozu Haß? Wir sind die Mannschaft eines Schiffes. Und wenn Gegensätze der Kulturen wertvoll sind, weil sie immer neue Mischungen erlauben, so ist es ungeheuerlich, daß sie einander vernichten... – Ich glaube daran, daß der Vorrang des Menschen die einzige Freiheit und die einzige Gleichheit begründen kann, die einen Sinn hat: ich glaube an die Rechte des Menschen in jedem Individuum. Und ich glaube, daß die Freiheit der Aufstieg des Menschen ist. Ich werde für den Menschen kämpfen, ich werde gegen seine Feinde kämpfen, aber ich werde auch gegen mich selbst kämpfen.“

Dieses Buch wiegt schwer, man legt es nicht einfach aus der Hand, seine Worte und Sätze bleiben haften, gehen mit in den Lebenstag. Denn hier spricht ein Mensch.

Und nun legt dieses selbige Frankreich dem deutschen Leser ein zweites Fliegerbuch vor. „Das glückliche Tal“ betitelt Jules Roy sein Werk, in dem er seine Erlebnisse als Flieger der RAF schildert, zu der er nach dem französischen Zusammenbruch 1940 gekommen ist (Saar-Verlag, Saarbrücken). „Das glückliche Tal“ – so nennen die Flieger ironisch das Ruhrgebiet, das sie Nacht für Nacht mit ihren Bomben belegten. Der Tod grinst uns aus allen 220 Seiten des Buches an, der grausame, sinnlose Tod. Hier ist die Fliegerei nur noch Zweck, nur noch Handwerk, von dem Roy sagt, es sei das „grausamste Handwerk der Welt, abgesehen von dem der Geiseln“. Und da ist jenes Gespräch zwischen dem englischen Unteroffizier und der französischen Mannschaft: „Na“, hatte er zu ihnen gesagt: „jetzt werdet ihr also bald auf Feindflug gehen?“ – „Na klar“, hatte der Biber geantwortet. „Und das macht euch Spaß? Es heißt, ihr wäret alle Freiwillige!“ – „Das Fliegen“, hatte der Biber geantwortet, „ist doch unser Beruf.“ – „Das ist wahr... und außerdem seid ihr Franzosen; ihr habt doch etwas zu verteidigen. Und wahrscheinlich wißt ihr doch wenigstens, warum ihr kämpft.“ – „Sie nicht?“ hatte der Biber ihn gefragt. „Ich? Ich wüßte wirklich nicht warum. In Zivil bin ich Faktor bei einer Zeitung.“ – Und schließlich jenes Selbstgespräch des Piloten Roy auf dem Rückflug vom „glücklichen Tal“ – : „Es sind etwa fünfzehn Kameraden über dem Ziel abgeschossen worden, und vor der Landung werden vielleicht noch mal ebensoviel draufgehen. Unter uns gibt es welche, die Gott beschützt, und welche, die er verläßt. Mich nimmt er in seinen Schutz, obgleich ich ausziehe, um Menschen zu töten; aber diese Menschen sind die Feinde der Menschheit, und wenn es Gerechte unter ihnen gilt, kann ich auch nichts machen. Mich ermüdet nicht die Schlächterei, denn die Schlächterei hat für uns den Anblick eines himmlischen Sternenfest“; aber was mich ermüdet, ist die Mühe, sie abzuschlachten. Im Grunde meines Herzens schreie vor Freude über den Brand, der ihre Städte in Asche verwandelt und ihre Gebeine in Staub, aber das ist mein gutes Recht, denn ich könnte ja zu ihnen ins Feuer herunterstürzen...“ (S. 120).

Welch ein Abstand zu jenem Saint-Exupery, der immer auf dem Wege ist zum Menschen, zu Gott. Der bekennt: „Der Krieg ist eine Seuche. Wie der Typhus!“ und „Ich suche das Leben f. Roy aber läßt ein junges Mädchen zu einem der Flieger sprechen: „Was muß das für Sie eine Freude sein, Berlin zu bombardieren!“ Saint-Exupérys Buch von der „Erde der Menschen“ gehört nicht nur Frankreich, es gehört der Welt – Roys Buch bleibt in jener Begrenztheit einer verurteilten Vergangenheit, deren erneute Propagierung keine glückliche Tat des Saar-Verlages ist. Es dient lediglich dazu, in unklaren Köpfen gefährliche Ressentiments zu wecken. m–r.