Georges Duhamel, Franzose und Weltbürger, Dichter und Arzt, Mitglied der Academie Française und Kommentator des „Figaro“, ist eine der schillerndsten und originellsten Erscheinungen unter den heutigen Geistern Frankreichs. Vor kurzem erst wurde er wegen der „Weltberühmtheit seiner Werke, die zu den wichtigsten seiner Zeit gehören, und wegen seines unablässigen Eintretens für die höchsten Werte der Zivilisation“ zum Ritter der Ehrenlegion gemacht. Duhamel hat sich seit je mit dynamischer Kraft für die Freiheit des Geistes und die abendländischen Kulturwerte eingesetzt und sich gegen die moderne Versklavung der Menschen gewandt. Der Verfasser der „Szenen eines zukünftigen Lebens“ hat vorgeschlagen, bis zur Verwirklichung einer Weltregierung drei Akademien von internationalem Ansehen ins Leben zu rufen: eine Akademie zur Förderung des öffentlichen Skandals, eine zweite zur Begünstigung des Ungehorsams gegen die Unterdrückung und überflüssige Gesetze und schließlich eine Akademie zum Studium der Kunst des Nichtstuns. Er ist der Oberzeugung, daß vieles besser wäre, wenn es mehr Leute gäbe, die eine Beethoven-Partitur zu lesen verstünden...

Aus dem großen Buchzyklus „Salavin“, der den Ruhm des 1894 Geborenen begründen half, ist jetzt im Schwarzwaldverlag (Freudenstadt/Schwarzwald) eine besonders kostbare und geschmackvolle Ausgabe des ersten Bandes „Mitternächtliche Beichte“ (illustriert von Pierre Duteutre, Ganzleinen, davon 50 Exemplare auf Japan-Bütten und 1000 Exemplare auf Luxus-Bütten) erschienen. Diese Beichte des Herrn Salavin ist das Bekenntnis von der inneren Not eines kleinen geknechteten Angestellten, der sich darüber wundert, daß in der Welt die Handlungen der Menschen so wichtig genommen werden und um ihre geheimen Gedanken sich anscheinend niemand kümmert. Er aber fragt: Was bedeuten meine Handlungen, wenn alle meine Gedanken sie nur verleugnen und verhöhnen? Eines Tages geht er hin und folgt seiner geheimen Idee, seinen Chef am Ohrläppchen zu ziehen. Er wird darauf eines Überfalles verdächtigt und verliert seine Stellung. So aus der Bahn geworfen, seziert dieser „unbedeutende“ Mensch, wie er sich selbst nennt, vor einem mitleidigen Mitmenschen, der ihn anhört, schonungslos sein geknechtetes Innenleben. In der delikaten Übersetzung von Walter Rohde spürt man Überlegenheit und heitere Ironie des scharfen Geistes Duhamels.

Im gleichen Verlag, dessen bemerkenswertes Streben es ist, dem bibliophilen Kenner wieder preziöse Werke in die Hand zu geben, die in Papier, Graphik und Einband von erlesenem Geschmack sind, ist von Georges Duhamel außerdem ein liebenswürdiges Buch „Europäische Herzensgeographie“ (Geographie cordiale de l’Europe) erschienen, das in eigenwilligen Beobachtungen und dichterischen Gedanken das nuancenreiche Bild abendländischen Lebens formt.

Erika Müller