Wer nach den schweren militärischen und außenpolitischen Schlägen, die die arabischen Staaten seit Beginn des Palästinafeldzuges erlitten haben, etwa annahm, daß die arabische Welt nun in Chaos und Bürgerkrieg versinken werde und jede Bedeutung als selbständiger Faktor der Weltpolitik verloren habe, hat die Wendigkeit und das Geschick der arabischen Führer und die Beharrungskraft der Bevölkerung ebenso unterschätzt, wie so mancher die militarischen Möglichkeiten der mangelhaft ausgerüsteten arabischen Heere einst überschätzt hat.

Die ersten Monate dieses Jahres haben beachtliche Entwicklungen in allen arabischen Ländern gebracht. Sie sind im Grande viel stärker in die internationale Politik eingeschaltet worden, als dies vor dem Palästinafeldzug der Fall war. Am stärksten fällt dabei die Wandlung der Innen- und Außenpolitik in Syrien und Irak ins Auge. Die letzten Tage des syrischen Mardam Bey waren erfüllt von Straßenunruhen, Parlamentskämpfen und einer galoppierenden Inflation. Khaled el Azam, der neue Ministerpräsident, ist ein kühler Rechner und erfahrener Wirtschaftler. Als Hauptaufgabe seiner aus parteipolitisch nicht gebundenen Fachleuten bestehenden Regierung bezeichnete er die Herausführung Syriens aus der weltpolitischen und wirtschaftlichen Isolation, in der das Land seit dem Tag (einer Selbständigkeit verharrt. Die geradezu groteske Situation, daß eines der größten arabischen Länder durch keinen einzigen Vertrag, weder politischer noch wirtschaftlicher Art, mit der Umwelt verbunden war, beseitigte er durch eine Reihe von Handelsabkommen mit europäischen und asiatischen Staaten, wobei ihm seine ausgezeichneten Verbindungen in der französischen Hauptstadt gute Dienste leisteten. Ein syrisch-französisches Finanzabkommen gab dem syrischen Pfund, das völlig in der Luft hing, neue Bindung und Stütze. Nach kurzfristigen Verhandlungen wurde ein Lizenzvertrag mit der Transarabian Pipeline Co. abgeschlossen, die die längste Ölleitung der Welt von den ostarabischen Ölfeldern zum libanesischen Hafen Sidon durch syrisches Gebiet führen wird. Mit 100 Millionen Pfund wurde eine Gesellschaft zur Auswertung der syrischen Erdölvorkommen gegründet, an der eine Gruppe amerikanischer Gesellschaften, und der syrische Staat zu gleichen Teilen beteiligt sind. Vor allem aber geht es el Azam, der auch das Amt des Außenministers versieht, darum, freundschaftliche Beziehungen zu seinen Nachbarn, der Türkei und Irak, herzustellen.

Im Fall des Irak wurde ihm dies durch den auch dort erfolgten Regierungswechsel erleichtert, der Nun Said Pascha, den einstigen Gefährten von Oberst Lawrence, wieder einmal ans der Opposition in das Amt des Ministerpräsidenten gebracht hatte. Der Name ist ein Programm: unverbrüchliche Ergebenheit gegenüber der haschemitischen Dynastie und Bündnistreue gegenüber England waren stets die Grundlagen der Politik Nun Saids als Außenminister wie als Ministerpräsident, Posten, die er in der Vergangenheit verschiedentlich und mit dem ganzen Geschick des orientalischen Diplomaten verwaltete.

Seine Arbeit dient vor allem dem Ziel der Errichtung Großsyriens. Jener lang geplante Zusammenschluß von Irak, Transjordanien, des arabischen Teilen Palästinas, Syrien und Libanon in einen Staat unter der Führung der haschemitischen Dynastie. Dieses Ziel scheint jetzt der Verwirklichung näher als jemals seit den Tagen, in denen Feisal nach Vertreibung der Türken in Damaskus über dieses Gebiet herrschte, bis ihn nach wenigen Monaten die französischen Forderungen aus dem Sykes-Picot-Abkommen aus seiner Hauptstadt vertrieben und England ihn mit dem irakischen Thron abfand.

Allerdings dürfte jetzt nicht der irakische Zweig der Haschemiten zum Zuge kommen, sondern König Abdallah, der sein Transjordanien inzwischen in „Haschemitisches Königreich des Jordan“ umbenannte und damit bereits die arabischen Teile Ostpalästinas seinem Herrschaftsbereich einverleibte. In einer Konferenz mit seinem Vetter Abdul Ilah, dem Regenten des Irak, wurde der Weg festgelegt, der zur Bildung Großsyriens führen soll, und Sondergesandte Nun Saids bereiteten in Syrien, Libanon und Ägypten diese Neubildung vor, die die Form eines Staatenbundes erhalten soll. Während die Zustimmung des syrischen Ministerpräsidenten bereits vorzuliegen scheint, verhalten sich offizielle Kreise Libanons noch zurückhaltend, doch hat der einflußreiche junge Oppositionsführer Kamil Chama’un persönlich in Amman seine Unterstützung für den Plan zugesagt.

Für Großbritannien ergäbe sich durch ein großsyrisches Reich unter dem allergetreuesten Alliierten Seiner Britischen Majestät, Abdallah, eine erhebliche Festigung seines Einflusses im asiatischen Teil des Nahen Ostens. In Ägypten und Saudi-Arabien scheint dagegen der amerikanische politische Einfluß – der wirtschaftlich auch in den anderen arabischen Staaten sehr stark ist – vorzuherrschen. Saudi-Arabien ist seit der überragenden Rolle, die die Arabian-American-Oil Co. dort spielt, ohnehin der amerikanischen Sphäre immer enger angegliedert worden. Ägypten zieht sich aus den Bindungen der Arabischen Liga zurück und verlagert sein politisches Interesse nach dem mißglückten Palästinaabenteuer auf seine afrikanischen Außengebiete im Sudan und in Libyen Trotz der heutigen Spannungen zwischen den arabischen Ländern, die die offensichtliche Teilang des arabischen Raumes in eine britische und eine amerikanische Interessensphäre noch verschärft haben, ist aber die Arabische Liga nicht tot. Sie dürfte nur neue und vielleicht realistischere Aufgaben zugewiesen erhalten, sowohl als Verteidigungsabkommen im Rahmen eines Mittelmeerpaktes wie auch als Ausdruck der kulturellen Gemeinsamkeit der Moslime zwischen Nil und Tigris, die auch weiterhin als politisch wirksamer Faktor in Rechnung zu stellen ist.