Prozeß Kravchenkos gegen „Lettres Françaises“ – In Erwartung des Urteils

Von unserem Pariser Korrespondenten Jean-Charlot Saleck

Am 4. April soll nun endlich das Urteil im Prozeß Kravchenko gegen „Lettres Francaises“ verkündet werden. Damit wird die merkwürdigste, vor einem Gericht der Nachkriegszeit bisher ausgefochtene Auseinandersetzung zwischen östlicher und westlicher Ideologie ihr Ende finden. – Wir schildern im folgenden die Vernehmung des Doyen der anglikanischen Kathedrale in Canterbury und des Nobelpreisträgers Joliot-Curie und beginnen mit dem Bericht über das erste Plädoyer, das Maître Heiszmann, einer der Verteidiger Kravchenkos, in scharf pointierter Form hielt.

Als Präsident Dürkheim die Sitzung eröffnet, steht der für heute vorgemerkte so malerische Zeuge der Lettres Françaises schon an der Zeugenbank, als könnte er gar nicht schnell genug an die Reihe kommen. Es ist der 74jährige Domherr Hewelt Johnson, Doyen der anglikanischen Kathedrale von Canterbury. Ein Kranz von wirren, weißen Haaren umrahmt dieses Gesicht, in dem sich die Züge König Lears mit denen der Pickwicks um die wülstigen Lippen und die dicke Nase streiten. Auch seine Kleidung ist so merkwürdig, daß sie selbst zu Charles Dickens Zeiten aufgefallen wäre. Ein langer, unten ausgeschweifter Gehrock, Kniehosen, wie sie nur noch bei besonderen Festen am englischen Hof getragen werden, Tuchgamaschen schützen die Beine vor unerlaubten Blicken, und eine Weste schnürt und kasteit den mächtigen Leib, Uli diese Stücke sind von klerikalem Schwarz. Aber auf der Brust glänzt ein großes goldenes Kreuz.

Der anglikanische Domherr beginnt seine Aussage mit der Feststellung, daß er die Sowjetunion seit 1917 studiere: „Ich habe über dieses Land drei Bücher geschrieben. Entsprechen sie der Wahrheit, dann kann dies nicht der Fall für das Werk Kravchenkos sein. Enthällt aber des Klägers Schrift das Richtige über Rußland, dann müssen die meinen voll Falschem sein“.

Er sagte es mit Pickwickscher Jovialität, und dies beruhigt uns. Zweifel an der Richtigkeit seiner Ansicht von Rußland werden ihn nicht zu einem neuen Martin Luther machen. Im Gegenteil, die etablierte Macht wird eine Stütze an ihm haben, und so holt er mit einer den Dimensionen einer Kathedrale angemessenen Stimme machtvoll zum Angriff auf den Abtrünnigen aus: Das Bild, welches Kravchenko von Stalin gebe, sei eine Karikatur. Bei seinen zahlreichen Reisen in Rußland habe er während einer ganzen Stunde Stalin Auge in Auge gegenübergesessen und dessen Gesicht und Haltung beobachten können. Er sei betroffen gewesen von der Würde dieses Mannes und wiederhole noch einmal, Kravchenkos Porträt von Stalin sei entstellend und grotesk, wie eben das ganze Buch. So gebe „Ich wählte die Freiheit“ auch ein falsches Bild des religiösen Lebens in der Sowjetunion. Alle konfessionellen Gemeinschaften und Behörden Rußlands habe er besucht, darunter Alexis, den Obersten Patriarchen der rechtgläubigen Russen, der ihm das prachtvolle goldene Kreuz geschenkt habe, das er heute auf der Brust trage.

Der Domherr schildert uns dann auf fesselnde Weise, wie er von einem Patriarchen zum anderen und von den altrussischen Kirchenchefs zu den armenischen und von denen zu den georgischen gereist und sogar bei den Rabbinern eingekehrt ist. Alle, alle haben ihm spontan das Lob der Sowjetregierung gesungen und versichert, schon vor dem Einfall Hitlers hätten die Kirchen volle Freiheit genossen. Nie mische sich der Sowjetstaat in deren innere Angelegenheiten