Als der bizonale Länderrat vor Jahresfrist die Wahl Dr. Pünders zum Oberdirektor des Verwaltungsrates bestätigen sollte, fand dieser Akt hinter verschlossenen Türen statt. Damals hieß es, es seien drei Stimmen für ihn gewesen, zwei gegen ihn und elf Stimmzettel seien weiß abgegeben worden. Man kann also wohl kaum behaupten, daßdieses Ergebnis von sehr großer Begeisterung zeugte. Noch raten dies die Kommentare der Presse Die einen nahmen Anstoß daran, daß Pünder während des zweiten Weltkriegs im OKH Dienst als Major getan hätte, andere, sahen argwöhnisch auf das Großkreuz des päpstlichen Gregorius-Ordens oder bemängelten je nach geograpischer Herkunft entweder seine Vergangenheit als preußischer Beamter oder als Mitglied der Zentrumspartei. „Der Tagesspiegel“ schrieb damals; „Die langjährige farblose Tätigkeit eines die Minister überdauernden Staatssekretärs in der Weimar-Republik sollte schon genügen, mißtrauisch zu machen.

Ist es diese Farblosigkeit, die in einer Zeit, da zonales Minikri Trumpf ist, die gleiche Presse veranlagte, ihm in den Kommentaren zu seiner großen Etatsrede vor dem Wirtschaftsrat das Attribut „staatsmännisch“ zuteil werden zu lassen oder ist es eher die Summe der wirtschaftlichen Erfolge, vondenen sein Bericht zeugte, die einigen Glanz auch auf den Oberdirektor fallen ließ? Vielleicht ist es ein bißchen von beidem, jedenfalls aber war es eine großangelegte, vorzüglich gemachte Rede. Mit wenigen gutsitzenden Strichen zeichnete Dr. Pünder noch einmal das fast schon vergessene Bild der deutschen Situation von gestern: das primitive System des Tauschhandels, die Arbeitsunlust, die graue armselige Hoffnungslosigkeit, um dann einleuchtend festzustellen, daß, diese Schwierigkeiten durch Bezugscheine und Preisfestsetzungen wohl kaum hätten gelöst werden können.

Und dann folgt ein Rechenschaftsbericht über das, was im vergangenen Jahre geleistet worden, ist, der geeignet erscheint, unseren Nachbaren „das Gruseln zu lehren“. Der Produktionsindex ist von 47 v. H. im März 1948 auf 80 v. H. im Januar 1949 gestiegen. Die Ausfuhr erreichte 1948: 2 Milliarden DM zuzüglich 0,6 Milliarden, die schwarz exportiert wurden. Die Fettration konnte, dank steigender Einfuhr, von 75 g im Januar 1948 auf 750 g im März 1949 erhöht werden. Die monatliche Schuhfabrikation ist von 1,4 auf 3,5 Millionen Paar angestiegen, so daß jetzt beim Zweimächtekontrollamt die Aufhebung der Rationierung beantragt worden ist – übrigens für Schuhe, Textilien und Tabak gleichzeitig. Kader schidert, wie die Steigerung der Produktion und das allmähliche Sinken des Preisniveaus nicht irgendeinem Glücksfall zu danken sei, sondern ausschließlich: wohlerwogenen marktpolitischen Maßnahmen, in erster Linie der billigen Abgabe von STEG-Ware und dem Jedermann-Programm. Mit Stolz sieht er in diesem wirtschaftlichen Aufschwung gleichzeitig einen sozialen Erfolg und gebrauchte,-den für den Nationalökonomen neuen Begriff einer „sozialen Marktwirtschaft“.

Doch werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen: Zum Zentralproblem ist inzwischen die Finanzierung der deutschen Wirtschaft geworden. Allein für die nächsten anderthalb Jahre betrage der Investitionsbedarf 8 Milliarden DM, deren Bereitstellung bei der geringen eigenen Kapitalbildung und des riesigen Kapitalvernichtung durch den Krieg sehr große Schwierigsten machen werde; weswegen denn eine Steuerreform, die eine zunehmende Kapitalbildung ermögliche, dringend nötig sei. Daß im übrigen die neue deutsche Wirtschaftspolitik sich ihr die Notwendigkeit einer gewissen Lenkung durchaus im klaren, ist, geht ans den Ausfallrungen über die Kreditpolitik als Steuerungselement deutlich hervor.

Was dieser Rede aber ihr eigentliches Format gab, ist die klare und ruhige Sachlichkeit, mit der Dr. Pünder sich in der politischen Sphäre bewegte, ganz im Gegensatz zu gewissen Unbesonnenheiten, die ihn bisher zu kennzeichnen seltenen. Für manchen deutschen Politiker sollte Ton und Gesinnung beispielhaft sein, mit dem er das Beamtengesetz der Militärregierung kommentierte. Er kritisierte es zunächst scharf als einen bedauerlichen und ungewöhnlichen Eingriff in die Rechtsverhältnisse der öffentlichen Dienste, fügte dann aber hinzu: „Wir werden es jedoch in voller Loyalität anwenden und es nicht fehlen lassen an dem Bemühen, die Paragraphen dieses Gesetzes mit gutem Geist zu erfüllen. Es wird uns allerdings niemand verdenken können, daß wir auch, dieses Gesetz nur als einen Schritt auf dem Wege zur Schaffung eines neuzeitlichen deutschen Beamtenrechts ansehen.“ – Wenn das Farblosigkeit ist, so wollen wir mit dieser Couleur ganz zufrieden sein. Dönhoff