So heißt es in der amtlichen Verkündigung über die Grenzveränderungen, die von den westlichen Demokratien an den deutschen Westgrenzen befohlen worden sind: Die Maßnahme ist durch „administrative Erfordernisse und die Verhältnisse, die den Verkehr entlang der Westgrenze Deutschlands betreffen, gerechtfertigt“. Gerechtfertigt – bei diesem Wort stocken wir, wir haben es so oft gehört: der Anschluß Österreichs, die Vergewaltigung der Tschechoslowakei, der Überfall auf Polen, die Vergasung der Juden, all dies war aus „sachlichen“ oder „technischen und administrativen“ Gründen gerechtfertigt. Wir haben dieses Wort aus dem Munde grauenhafter Menschen gehört, wir haben gehofft, es nie wieder hören zu müssen, es sei denn, wenn es wirklich um das Recht ginge, um den Kampf für das Recht, für die Freiheit, für alles, was wjr ersehnten und was wir in den Idealen des Westens verkörpert glaubten,

Gerechtfertigt – die Silbe „recht“ muß aus diesem Wort herausgeschnitten werden, denn sie gehört hier nicht hinein, was bleibt, heißt: gefertigt, das heißt einseitig gehandelt, verfügt und diktiert, und die dies getan haben, waren sehr siegreiche, sehr demokratische Mächte, die sich dessen rühmen, daß sie um des Rechtes und der Freiheit willen in den Kampf gezogen sind.

Wir wollen nicht in den Fehler verfallen, den man uns gegenüber begangen hat und immer wieder begeht, kollektive Urteile zu fällen. Wenn wir feststellen, daß es die Regierungen des Vereinigten Königreiches von Großbritannien, der Vereinigten Staaten von Amerika, des Königreichs Belgien, des Königsreichs der Niederlande, des Großherzogtums Luxemburg und der Republik Frankreich waren, die für den Beschluß verantwortlich sind, die deutschen Grenzen willkürlich zu ändern, so wollen wir nicht vergessen, daß es viele einzelne Menschen in diesen Staaten gibt, die mit Abscheu die Vergewaltigung freier Menschen betrachten. Wir sind den Sozialisten in Holland dankbar, die sich gegen jede Annektion gewandt haben und auch den Sozialisten in Luxemburg, die eine Volksabstimmung in den annektierenden Staaten verlangt haben. Wir wären glücklich, wenn auch sozialistische Minister eine gleiche Rechtsauffassung offenbart hätten.

Mit einem Gefühl gemischt aus Trauer und Verachtung haben wir das Diktat der Westmächte vernommen: Trauer um das Schicksal schutzloser Deutscher, Verachtung für eine Zeit, in der die Menschenrechte immer wieder feierlich verkündet und zugleich um technischer Maßnahmen willen leichtfertig verletzt werden. Tgl.