Der seit 1901 bestehende Deutsche Versicherungs-Schutzverband e. V., mit über 140 angeschlossenen Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern, Wirtschafts- und Fach verbänden sowie mit mehr als 3000 Mitgliedern die größte Versicherungsnehmerorganisation, hat seinen Sitz von Berlin nach Bonn verlegt. Auf seiner ersten Tagung in Bonn wurde unter der Leitung des 1. Vorsitzenden, Direktor Dr. Koppen (Varel) in Referaten und in einer Aussprache, an der sich u. a. der Vertreter der Verwaltung für Finanzen und mehrere Versicherer beteiligten, eine ganze Reihe aktueller Versicherungsprobleme behandelt. Im Vordergrund standen die Fragen der Prämienerhöhung, der Industrie-Feuer-Versicherung und das Verbot der Betätigung deutscher Versicherungen im Ausland (Gesetz Nr. 47).

Ministerialrat Thees (Zonenamt in Hamburg) vertrat in seinem Referat über „Rechtsprobleme der Schadensversicherung“ die Auffassung, daß in der Frage der Prämienerhöhung mit Rücksicht auf die allgemeine Wirtschaftspolitik behutsam vorgegangen werden müsse. Das schließe aber mit aus, daß im Bedarfsfall Prämienerhöhungen auch für den laufenden Bestand in Betracht kommen könnten. Die Entscheidungen müßten von Fall zu Fall für das einzelne Unternehmen getroffen werden. Dabei sei ernstlich zu erwägen, ob man den Versicherungsnehmern nicht ein außerordentliches Kündigungsrecht einräumen müsse. In der Krankenversicherung werde die Prämienerhöhung in absehbarer Zeit wohl durchgeführt, zum Teil sei sie bereits erfolgt. Er bezeichnete es als Mißstand, daß in der Unfallversicherung, im Gegensatz zur Krankenversicherung, bei Erreichung eines bestimmten Alters eine Versicherungsmöglichkeit derzeit nicht mehr gegeben sei Es sei zu erwägen, diesem Zustand durch die Schaffung einer Alterungsrückstellung sobald wie möglich ein Ende zu bereiten. In der Industrie-Feuer-Versicherung wurde der Standpunkt vertreten, daß grundsätzlich auch für diesen Bereich an den allgemeinen Bedingungen festgehalten werden müsse. Dies dürfe jedoch nicht dazu führen, daß Verbesserungen des Versicherungsschutzes und der Bedingungen im Einzelfall nicht vereinbart werden könnten. Entscheidend sei, daß bei Verbesserungen des Versicherungsschutzes eine angemessene Prämie vereinbart werde.

Dr.-Ing. Hilbert (Bochum), der über Bewertungsfragen in der Industrie-Feuer-Versieherung sprach, vertrat die Meinung, eine Industrie bewertung mit heutigen Preisen durchzuführen sei nicht zweckmäßig, da sich die Preise noch nich ausgependelt hätten. Er empfahl, alle Bewertungen auf der Preisgrundlage 1938 vorzunehmen, da in jener Zeit noch normale Relationen der Preise zu einander bestanden. Man könne dann mit einer Indexziffer die Bewertung auf den jeweiligen Preisstand bringen und im großen Durchschnitt mit einem Faktor von 1,8 bis 1,9 rechnen.

Der langjährige Geschäftsführer Dr. Koch forderte in seinem Überblick über die wichtigste! Fragen des Versicherungswesens die Aufhebung des Gesetzes Nr. 47, was auch von Seiten der Versicherer mit dem Hinweis unterstrichen wurde man solle nicht zu stark und nicht zu ausschließlich die Wiedergenehmigung der Rückversicherungsmöglichkeit im Ausland unterstreichen, weil sonst leicht dort der Eindruck entstehen könnte daß die deutsche Versicherung ohne die Rückendeckung im Ausland ihre Aufgaben nicht erfüllen könne. Die Regulierung mehrerer großer Schadensfälle (wie u. a. in Ludwigshafen) hätte bewiesen, daß die deutsche Versicherung allein dazu sehr wohl in der Lage sei. Nach den Ausführungen des Vertreters der Verwaltung für Finanzen kann damit gerechnet werden, daß in der Transportversicherung die künstliche Schranke wohl zuerst fallen wird. Von besonderem Interesse war gerade in Bonn seine Bemerkung zu der „Atomisierung“ der zentralen deutschen Versicherungsaufsichtsbehörde. In dem Werk der Militärregierungen über die Bundesverfassungen der Welt, das auch dem Parlamentarischen Rat vorliegt, wird nämlich festgestellt, daß nur in den USA die Versicherungsaufsicht eine Angelegenheit der Länder sei; dazu bemerke aber der amerikanische Sachbearbeiter, daß diese Regelung zwei Nachteile habe: sie verursache hohe Kosten und eine uneinheitliche Bearbeitung der Versicherungsfragen.

Einigkeit bestand darüber, daß die Behandlung der privaten Renten- und Lebensversicherungen durch das Währungsgesetz eine große Ungerechtigkeit darstellt; ob allerdings eine neue allgemeine Erörterung dieser Fragen eine Änderung herbeiführen könne, wisse niemand zu sagen.