Viele Bücher sind uns verbrannt oder zerbombt, und andere, die wir gern gelesen hätten, waren verboten. Wir hatten uns darauf gefreut, viel Lektüre nachzuholen, wenn sie nach dem Ende des Krieges auf dem Markt erscheinen würden. Jetzt ist es soweit. Eines nach dem anderen wird uns präsentiert, aber nun gehen wir nicht einfach unbekümmert an sie heran, sondern, nach einigen Erfahrungen, zögernd und beinahe furchtsam. Wird das, so fragen wir uns, was wir vor langen Jahren schön und erregend fanden, heute nach so erschütternden Ereignissen noch bestehen?

Da haben sich der Suhrkamp Verlag (Berlin und Frankfurt am Main) und der Gottfried Bermann Fischer Verlag (Amsterdam) zusammengetan, die alte Tradition des S. Fischer Verlages wiederherzustellen. Als erste Autoren sind in diesem Gemeinschaftsunternehmen Thomas Mann, Hermann Hesse und Ernest Hemingway erschienen. Da hat der Rowohlt Verlag (Hamburg und Stuttgart) „Schau heimwärts, Engel“ von Thomas Wolfe neu herausgegeben sowie den berühmten Roman „Absa’om, Absalom“ von William Faulkner. Dies alles sind Bücher, die wir seit langen Jahren kennen; doch wieviel ist geschehen, seit wir sie zum erstenmal lasen! Und ist es so, daß wir sie heute noch mit gleicher Aufgeschlossenheit begrüßen?

„For whom the bell tolls“ – viele von uns haben diesen Roman von Hemingway, der eine Episode aus dem spanischen Bürgerkrieg schildert, schon in der Nazizeit gelesen. Damals kam er in spärlichen Exemplaren – meist von Rom her – über die Grenze, er wurde verschlungen und weitergereicht. „Wem die Stunde schlägt“ heißt er in deutscher Übersetzung. Die ihn damals lasen, sahen in ihm, weil er von dem Widerstand der Roten in Spanien berichtet, ein revolutionäres Buch. Heute wird der Leser erkennen, daß es eher skeptisch-nihilistisch zu nennen wäre, weil es – echt Hemingway – seine Figuren triebhaft handelnd darstellt. Wenn sich auch so die Aspekte geändert haben, liest man den Roman doch mit gleicher Freude, denn alle Gestalten, auch die geringsten, sind echt, rund und lebendig. – Und dies ist auch der Grund, weshalb man sehr schnell wieder bei der Lektüre von Thomas Wolfe eingefangen wird. Das Amerika von „Schau heimwärts, Engel“ ist nicht das Amerika unserer Tage, aber die Figuren des Romans prägen sich so unauslöschlich ein, daß das historisch-romantische Geschehen – denn dieser Schriftsteller wirkt, von unserer illusionslosen Zeit her gesehen, wie ein echter Romantiker – auch den heutigen Leser fesselt.

Stärker aber, viel stärker als diese beiden Bücher wirkt heute noch Faulkners „Absalom, Absalom“. Dieser düster-prächtige Roman aus den amerikanischen Südstaaten zur Zeit des großen Bürgerkrieges ist in einer Weise modern, die erstaunlich ist. Sowohl das Thema als auch Figuren und Handlung entbehren eines starren Gerippes, sie werden angegangen von verschiedenen Seiten, so als wenn eine Erzählung aus Berichten und Ansichten vieler langsam zusammenwächst. Man könnte von Ausdrucksformen des Existentialismus sprechen, eines Existentialismus, der nicht an die Moderne gebunden ist.

Von Hermann Hesse ist „Narziß und Goldmund“ wieder erschienen, jener in einem Räume des Erdichteten spielende Roman, der in zwei Figuren die vita activa und die vita contemplativa – das tätige und das beschauende Leben – in einem künstlichen Mittelalter zueinander in Gegensatz stellt. Man sollte meinen, uns heute müßten diese Figuren fremd und fern erscheinen. Seltsamerweise ist dies nicht der Fall. Die Erzählung spielt eben von jeher auf einer künstlerischen, akustischen Ebene. Dort ist sie heute noch angesiedelt, dort wird sie unverändert bleiben.

Anders geht es uns mit den „Ausgewählten Erzählungen“ von Thomas Mann. Der Schriftsteller hat so lange im Streit der Meinungen gestanden, daß es uns schwerfällt, unseren Eindruck hier niederzuschreiben. Diese ausgewählten Novellen – nicht nur die alten vor 1914 oder vor 1933 geschriebenen, sondern auch die neuen von 1944 – wirken verstaubt. Doch sollte dies für den aufmerksam Lesenden nicht neu sein. Sie waren es in einer wahrscheinlich vom Autor gewollten Weise von Anfang an, sie sind es in ein wenig peinlicher Weise heute, und die neuen Erzählungen sind denn auch bezeichnenderweise in ein sagenhaftes Indien und ein alttestamentarisches Israel verlegt. Die Figuren sind nicht rund und echt, jede von ihnen ist nur ein Teil eines Gedankens oder eines Gefühls Genremalerei des 19. Jahrhunderts, tadellos gedrechselt und poliert und dennoch verstaubt, zugleich aber Liebhabern sprachlicher Virtuosität sicher wieder willkommen. Martin Rabe