Claude Morgan und André Wurmser habenrecht getan. Es war der langweiligste Tag des zehnwöchigen Prozesses, an dem sie es vorzogen, dem nüchternen Saal der 17. Strafkammer zu Paris fernzubleiben. Es war der Tag des Urteils, So wurden denn die beiden Redakteure der „Lettres françaises“ in Abwesenheit in den drei Anklagepunkten für schuldig befunden, Victor A. Kravchenko beleidigt, seine Ehre und Interessen geschädigt zu haben und den Wahrheitsbeweis für die von ihnen und dem mysteriösen Sim Thomas aufgestellten Behauptungen über Kravchenkos geistige und moralische Mängel nicht antreten zu können. Sie wurden verurteilt, insgesamt20 000 Francs Geldstrafe, 150 000 Francs Schadenersatz an Kravchenko und die Gerichtskosten in Höhe von etwa 6 Mill. Francs zu zahlen. Der heroische Prozeß hat ein bourgeoises Ende gefunden.

Die Sensation der Pariser Saison ist damit vorüber. Grauen und Lächerlichkeit packten abwechselnd das Auditorium; Schmutz, Tragik und Grotesken füllten die Verhandlungstage. 58 Zeugen von Kläger und Beklagten gaben ihr Bestes; Ehefrauen und Generäle, Exminister und Verschleppte – zwei Millionen Worte.

Präsident Dürkheim und seine zwei Beisitzer aber haben ein kluges Urteil gefällt: Kravchenko ist darin – Assosiated Press zufolge – als „kultivierter Schriftsteller“ anerkannt worden, der durchaus in der Lage wäre, ein Buch wie das seine zu verfassen und dem geraten wird, seine Nationalität „aufzugeben“. Den tapferen Widerstandskämpfern aus der Redaktion der „Lettres Françaises“ hingegen billigte das Gericht unter Berücksichtigung ihrer patriotischen Einstellung in allen drei Anklagepunkten mildernde Umstände zu. Salomonische Weisheit oder abgründiger Witz des Präsidenten? Wer könnte das entscheiden?

Der Proletarier-Sohn, der die goldene Freiheit wählte, will, mit 560 Dollar Schadenersatz in der Tasche, nach den USA zurückkehren; Morgan und Wurmser werden wieder hinter ihren Schreibtischen Platz nehmen und fortfahren, das Glück der bolschewistischen Weltrevolution zu verheißen. Das ist die nüchterne Bilanz des Monstre-Prozesses. Der Zweck heiligte bei beiden Parteien die Mittel. Ein Fünkchen Reue, Schuld oder Einsicht jedoch wird keiner von ihnen verspüren; keiner von ihnen und wahrscheinlich sogar auch keiner von jenen, die Augen- oder Ohrenzeugen des Prozesses waren.

Das Urteil habe für den Sieg der Gerechtigkeit und den der Freiheit in allen Ländern eine große Bedeutung, hatte Kravchenko in seinem Schlußwort erklärt. „Wie kann man nur derart übertreiben!“ schrieb damals unser Pariser Korrespondent. Und in der Tat: Kravchenkos Triumph hat mit einem Sieg der Gerechtigkeit und der Freiheit in allen Ländern,und also einem Sieg des Westens, herzlich wenig zu tun. Denn erstens war Kravchenkos Kampf doch wohl nicht identisch mit dem Kampf des Westens, zweitens war das Gericht mangels eines Lokaltermins nicht einmal in der Lage „zu beurteilen, ob die in Kravchenkos Buch über die Sowjetunion behaupteten Dinge der Wahrheit entsprächen“, und drittens kann niemand moralisch besiegt werden, der keine oder eine andere Moral besitzt – vor keinem Forum des Rechts, sei es die UNO oder die 17. Strafkammer zu Paris. Nein, ein Sieg für den Westen war der Prozeß Kravchenko wahrlich nicht – vielleicht eine Lehre. C J.

(Siehe auch Seite 9)