Von Marianne Becker

Wie in jedem Jahr wurde in den Pariser Modehäusern während der vergangenen Monate eine fieberhafte Tätigkeit entwickelt, deren Ergebnis man vor der Außenwelt und den Kollegen streng geheimhielt – bis zum Tage „X“. Seitdem zeigen die bekanntesten Firmen der „Haute Couture“ in täglich stattfindenden Modeschauen, was die Frau in diesem Frühjahr tragen kann. Es ist nicht leicht, zu diesen Vorführungen Zutritt zu bekommen. Trotzdem herrscht in den meist überheizten, überparfümierten Salons großes Gedränge. Und wenn man zwei Stunden Modeschau über sich hat ergehen lassen, dann ist man fast ebenso müde wie die Mannequins, die die Modelle mit soviel Grazie vorgeführt haben.

Die neue Linie, die sich Christian Dior ausdachte, hat er „trompe-l’oeil“ genannt. Sie ist gewiß nicht jedermanns Sache. „Trompe-l’oeil“ heißt zu deutsch: Augentrug. Es steht dahin, ob sich die Augen durch die neuen Kniffe dieses Meisters, der im vorigen Jahre mit dem „new look“ die Welt eroberte, betrügen lassen werden. Seine Modelle sind bezaubernd, wenn sie von seinen bezaubernden Mannequins getragen werden.

Durch sehr hoch, fast unter den Achseln angesetzte, leicht abstehende Taschen und Revers wird die Büstenlinie zur Geltung gebracht. Der enganliegende Rock ist von symmetrisch oder asymmetrisch – angeordneten Schäfchen oder losen Schurzteilen umflattert, die an Blumenkronenblätter erinnern. (Werden viele Frauen es sich zutrauen, das Lied: „Du bist wie eine Blume“, so wörtlich auf sich zu beziehen?) Diese losen Blätter, die jede Bewegung in graziöses Schwingen versetzt, verhüllen und enthüllen in reizvoll abwechselnder Weise die durch die Röhrenröcke so kühn herausgearbeitete Hüften- und Beinlinie. Die Kleider und Mäntel variieren in der Länge. Das neue Gesetz: „35 cm vom Fußboden“ wird von Dior nicht streng eingehalten. Die Modelle sind oft von der Taille hinauf oder herunter geknöpft, die Farbtöne denen der Wiesenblumen angeglichen.

Was Jaques Fath schuf, ist leichter zu tragen. Er hat seine Kollektion, wie er selber sagt, auf einer Grundidee aufgebaut. Wenn man dieser wiederum auf den Grund geht, versteht man, daß Fath eine Entdeckung machte, die Elisabeth Bergner zwanzig Jahre vor ihm schon kreierte: daß nämlich vorgeschobene, etwas hochgezogene Schultern und die leise Andeutung eines Katzenbuckels pikant sein können. Die schüchternschamhafte Haltung der Schultern gibt der Silhouette eine zarte, mädchenhafte Note. Durch eine neue Schnittechnik (der blusige Rücken umschlingt geradezu das Vorderteil) und vorgerückte Schultern- und Achselnähte zwingt Fath den Trägerinnen seiner Modelle diese Haltung auf. Alle Details: Hörnchenkragen, Rückenausschnitt, blusige Boleros mit Aufschlägen, kokardenförmiger Faltenwurf, wellblechartiger Zuschnitt der Röcke und Hohlfalten lassen sich auf diese Grundlinie zurückführen.

Sehr originell sind Faths Nachmittags- und Abendkleider, vor allem wegen des raffinierteinfachen Materials: Alpaka, Sackleinwand, Jute, Hanf. Die Gürtel sind aus Sattelleder, Schnüren. Stricken oder Kork. Über diese bescheidenen Stoffe scheinen Feenhände Raffia- und Strohstickereien, Haselnuß- und Mandelschalen, bunte Pastillen und Steinchen ausgestreut zu haben. Die Röcke sind glockenförmig, die Büste wird oft nur von zwei spitzen Dreiecken, ohne Tragbänder, eng umspannt: Hübsch sind die halblangen Handschuhe. Sie werden am Handrücken, vom Ringfinger an, geknöpft. Eine Einladung zum Handkuß?

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