Von Paul Schurek

Zu Vorlesungen ins ländliche Gebiet geladen,nahm ich die Gelegenheit wahr, die geliebte Landschaft zwischen den Meeren wieder einmal zu besuchen. In einem Ort, hell und luftig mit behäbigen Häusern auf dem Geestrand gelegen, begann ich. Die Gasthausstube füllte sich zur Hälfte mit ruhigen Landleuten, die mich zutraulich beäugten. Ich hatte Erfolg, noch bevor die Lesung begann, indem ich den obersten Knopf meiner Jacke mit kräftigem Rudi schloß, wobei er absprang, jedoch von mir mit großer Geschicklichkeit im Flüge erwischt und in die Westentasche gesteckt wurde. Was dann noch folgte, eine Stunde lang, erzielte diese Wirkung nicht. Ich muß gestehen –: ich selber, hätte ich dort unten gesessen – ich hätte nur ein mitleidiges Lächeln gehabt für den Kauz auf dem Podium, der sich bemühte, längst gelegte Eier noch einmal zu legen und öffentlichzu begackern. Der Organisator indes meinte, die Leute hier seien zurückhaltend mit ihren Beifallskundgebungen wie die Landschaft mit ihren Reizen.

Am nächsten Tag brachte mich die Eisenbahn auf, die Geest hinauf, wo alles etwas schludriger, aber auch lustiger aussieht. Lange polterte der Zug durch die Mannigfaltigkeit von Baum und Busch, von Äckern und knickumsäumten Wegen, rumpelte dann wieder abwärts, zog eine Weile über moorigen Grund und setzte mich in einem freundlichen Friesenort ab, wo man die See ganz deutlich roch. Die Leute, nach dem Weg befragt, sagten nicht „links“ oder „rechts“, sondern „südlich“ und „nördlich“, was mir nichtgleich geläufig war, da die Sonne in dickem Nebel steckte. Ich fand mich dennoch zurecht. Am Abend wurde ich überrascht. Der Veranstalter hatte meine Vorlesung klugerweise mit einer Theateraufführung verkoppelt. Er setzte mich in die fertig aufgebaute Dekoration, eine Art Wald in mildem Schweinfurter Grün. „Die Akustik ist nicht gut“, sagte er, „Sie müssen laut sprechen!“ und ließ mich allein vor der schmutzig-grauen Rückseite des Vorhangs, der alsbald hoch rollte und mir den Anblick eines ziemlich vollen Saals bescherte. Ich las drauflos, mußte aber auf Zurufe aus der Kulisse hin meine Lautstärke mehrmals steigern. Ich schrie, daß ich nach jedem dritten Wort Luft holen mußte, dennoch meinte nachher ein sehr alter Herr, ich hätte um soviel zu leise gesprochen wie seinerzeit Liliencron zu laut.

Meine schönste Autorenstunde erlebte ich in einer Ortschaft mitten im Land Angeln. Die erste Hälfte der Lesung brachte ich in einem kleinen Versammlungszimmer ohne Zwischenfall hinter mich und legte dann auf den Wunsch des Wirts eine „kleine Pause“ ein. „Es kann gern was länger dauern“, raunte der fürsorgliche Mann und drückte mich in einen Stuhl neben dem Schanktisch, wo ein Imbiß mit Bier bereitstand. Während ich aß, versorgte der Kröger mein Publikum mit ähnlichen Gaben. „Man will doch auch was umsetzen“, meinte er, nahm mein leeres Glas weg und setzte mir einen Rumgrog hin von solchem Ausmaß, daß ich auch einem dritten Glas, alsbald augenzwinkernd kredenzt, nicht widerstehen konnte. „Das gibt’s je nu allns wieder“, sagte er, „und es treibt Sie je keiner.“

Als ich wieder meinem Lesepult zustrebte, hatte sich die Stimmung im Raum verändert. Die vorher herrschende achtungsvolle, etwas frostige Ruhe war gewichen; es ging munter zu an den Tischen, Rumduft durchzog die Luft, Tabakrauch kringelte sich, und als ich das Podium bestieg, vom ungewohnten Grog selber beschwingt, da begrüßte mich freundliches Klatschen. Mir schien, die Zahl der Zuhörer hatte sich verdoppelt. Ähnliches erlebte ich auch im Buch, aus dem ich las; dort standen plötzlich, kurios verschnörkelt, nie gesehene Worte, über die ich lachen mußte. Ich klappte das Buch bald zu. Die Vorlesern, zum erstenmal auch für mich vergnüglich, ging viel besser ohne den wörtlichen Anhalt. Ich erzählte und kam dabei, ohne daß ich eigentlich wüßte wie, vom Podium herunter und saß schließlich mitten zwischen den Gästen. Jeder wußte schließlich Merkwürdiges zu berichten. Am eifrigsten war der Postmeister.

Es wurde spät Die Gäste zogen sich nacheinander zurück. Um drei Uhr saß ich mit dem Postmeister allein. Wir waren nach mannigfachem Hin und Her ins Politische geraten und bei den Engländern angelangt, die er gut leiden konnte. „Von hier kämmt se her!“, rief er undberichtete von der Auswanderungder Angela. Er schilderte die Geschehnisse so plastisch, als sei er selber dabei gewesen. Sein Eifer steigerte sich, als er zu den Urgroßvätern der Außreißer überging. Da begann der Morgen zu grauen, der Postmeister führte mich hinaus, um seine Erzählung durch Anschauung zu ergänzen. Wir gingen, ein wenig schwankend, durch das breit gelagerte, erwachende Dorf. Der Postmeister berichtete von den Ururgroßvätern, ausnahmslos reckenhaften Gestalten, wenn man ihm glauben darf, der selber sehr klein war. „Das war mal der Sarg eines Vornehmen“, sagte er, auf einen Steintrog weisend, der jetzt den Rindern als Tränke diente und den Bauern als Schleifstein. „Sandstein aus dem Rheinland“, erklärte mein Begleiter, bat es als Beweis für die Handelsverbindungen der alten Angeln mit den Römern am Rhein zu nehmen, wofür auch einige römische Münzen sprachen, die der Postmeister im Vorbeigehen aus seinem Hause holte.

Wir gingen ins Moor, mir brannte der Kopf, doch ein leichter Regen kühlte dann. Der Postmeister führte mich auf den Königshügel. „Kongenshü“, sagte er pathetisch, wies mir dort einen mannshohen Granitfels mit vielen hühnereigroßen, offenbar eingeschliffenen Höhlungen, die er langsam und laut zählte. Es waren sechsundzwanzig. „Für das Tierblut, beim Opfer!“, flüsterte er und fuhr nach einer Weile halblaut fort: „Seit Jahren frage ich mich: warum mögen es gerade sechsundzwanzig Löcher sein...“