Zu zwei Hamburger Theateraufführungen von und mit Curt Goetz

Es gibt Situationen im Leben, wo dringende Entscheidungen gleichsam weggeblasen werden vom Wind eines freundlichen Schicksals und wo dann die Ereignisse unseres Lebens wie unwichtige Zaungäste um das Lächeln des Herzens herumstehen. Dies ist vielleicht der Grund für den befreienden Humor in Curt Götz’ Lustspielen, daß der Autor sie aus solchem Lächeln schafft. Denn selbst im Lachen über seine Dialoge spürt man das Lächeln noch.

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Zweimal Curt Götz auf Hamburger Bühnen: einmal spielte der Dichter selbst mit eigenem Ensemble „Das; Haus in Montevideo“ im Thalia-Theater, ein neues und – altes Stück, eine frisch aufgezäumte „Tote Tante“. Sein eigenes altes Stück hatte der Autor verlängert, aber nicht verdünnt. Der brave Professor. Traugott Hermann Nägler (den Götz selbst spielte) kann sich bei seinem bescheidenen Gehalt als einzigen Luxus nur die Moral leisten: und das bringt ihn in unlösbare Konflikte mit dem Geld, durch eine Erbschaft, die seiner Tochter von einer „unmoralischen“ Tante hinterlassen wird. Dieses hinterlassene Haus in Montevideo und das daranhängende Bargeld gegen die Moral des Professors, das gäbeeine auswegloses Problem, wenn es bis zur letzten Konsequenz getrieben wird! Da würde auch der Pfarrer (Hans Leibelt spielt ihn mit einer jovialen Verbindlichkeit, die beinahe an Weisheit grenzt) und die klug-verschämte Hausfrau (dargestellt von der Gattin des Dichters Valerie von Martens) nicht mehr helfen. Aber Curt Götz erspart uns diese äußerste Konsequenz – er löst alles durch einen freundlichen Zufall. Und der ist hier kein dem ex machina, sondern die rosarote Seite des Schicksals. Und sicher ist es gerade diese rosarote Seite des Schicksals, die wir zu wenig beachten. Vor allen Dingen, wenn wir uns streiten. Man sollte sich vielleicht in Zukunft vor jedem Streit gegenseitig Sympathie versichern – aus ehrlichen Herzen natürlich – und selbst dann, wenn es um eine Frau wie „Ingeborg“ geht. Curt Götz jedenfalls meint, das würde dem Streit und auch den Streitenden gut bekommen; und Hermann Schomberg (Ingeborgs Gatte) und Hermann Lenschau (Ingeborgs – ja, Geliebter eigentlich noch nicht) tun das bei der Aufführung in den Hamburger Kammerspielen unter der Regie von Ida Ehre überzeugend. Kein Wunder bei der entzückenden Ingeborg von Käthe Pontow, für die der Satz des Dichters gilt, daß man eine Frau nie belügen solle, es sei denn, man wisse bestimmt, daß es nicht herauskommt. – Ach, es steckt ein tiefer Sinn dahinter,, daß den Männern solche Wahrheiten nur beim Trinken aufgehen! (Denn auch hier kommen die Erkenntnisse mit der Bowle.)

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Glücklicher Curt Götz, der nach z#ölf Jahren aus Amerika nach Europa zurückkehrt, um uns wieder das Lachen aus dem Lächeln vorzumachen. Aber ob wir dieses Lächeln wirklich wieder, lernen? Dieses Lächeln, das aus einer iranischen Haltung kommt, die die Hauptsache ist an dem Lustspieldichter Götz – abgesehen von seinen schlagenden Witzen, seinen blitzschnellen Gags, seiner blendenden Technik. Es ist jene Haltung, von der Kierkegaard einmal sagte: „Die Ironie ist der Versuch des Menschen, einmal Mensch und nicht immer nur Kanzleirat zu sein...“ P. Hühnerfeld