Von unserem Züricher Korrespondenten

Der ergebnislose Abbruch der in Bern geführten Handelsvertragsverhandlungen zwischen der Schweiz und den Westzonen hat in der schweizerischen Presse eine scharfe Polemik gegen die JEIA ausgelöst. So schreibt die Basler „Nationalzeitung“: „Die der JEIA nahestehenden alliierten Fachleute vertreten die Meinung, die Schweiz sei ein Devisendorado für gute Franken, mit denen sich leicht Käufe in Drittländern, nicht aber in der Schweiz tätigen lassen. Für viele Sterlingländer sind die deutschen Lieferungen nach der Schweiz daher zu einer einträglichen Devisenquelle geworden. Die Schweiz kann sich auf keinen Fall weiterhin von der JEIA und ihrem seltsamen Außenhandelsgebaren unterdrücken lassen, sondern muß in erster Linie dafür sorgen, daß die schweizerischen Interessen endlich zum Durchbruch kommen.“ Und die „Schweizerische Handelszeitung“ stellt fest, daß wohl auf deutscher Seite Interesse an erhöhten Einfuhren aus der Schweiz besteht, die JEIA aber die Erteilung von Importlizenzen verzögere, so daß in vielen Fällen die schweizerischen Kontingente verfallen, „woran besonders jene Besatzungs-, mächte interessiert sind, die eine weiche Währung haben und denen die aus der Schweiz zuströmenden Devisen eine wertvolle Aufpolierung ihrer defizitären Zahlungsbilanz gewährleisten“.

Im Hintergrund dieser heftigen Polemik stehen folgende Tatsachen: Während bei den Verhandlungen im Sommer 1948 für die Schweizer Exporte nach der Doppelzone allein ein Gesamtkontingent von 130 Mill. Franken im Jahr vorgesehen war, erreichten die tatsächlichen Exporte der Schweiz (nach allen vier Zonen) nur 69 Mill. bei einem Import von 323 Mill. Franken. Auch im Januar 1949 betrug der schweizerische Import aus Deutschland 22,6 Mill. und die Ausfuhr nur 9,8 Mill. oder 3,9 v. H. des-Totalexportes, gegen 15,7 v. H. des deutschen Anteils am schweizerischen Totalexport im Jahre 1938. Der größte Teil des Importüberschusses des Vorjahres mußte in freien Devisen der JEIA zur Verfügung gestellt werden, die damit Einkäufe in Drittländern tätigte, wodurch nicht nur die schweizerischen Exporteure, sondern auch die schweizerischen Kapitalgläubiger und Gläubiger aus Dienstleistungen – nach der Meinung der hiesigen Presse – schwer benachteiligt wurden.

So wenden sich alle Kommentare zu den Verhandlungen mit Westdeutschland gegen diese „untragbare Wohltätigkeit“, wobei die Presse freilich immer deutlicher zwischen den deutschen Delegierten der Wirtschaftskommission, die in Bern verhandelt hat, unterscheidet, die größere Schweizer Importe wohl wünschten, und der JEIA, die sie auf einem Minimum hält. Und zwar, wie man hier immer wieder unterstreicht, aus Gründen, die nicht ausschließlich in der deutschen Wirtschaftslage zu suchen sind. Die „Schweizerische Handelszeitung“ faßt den Standpunkt der Schweiz in diesem Satz zusammen: „Die rückläufige Konjunktur verpflichtet die schweizerische Delegation, unseren Standpunkt mit aller Eindeutigkeit festzulegen, da nicht verantwortet werden kann, daß wir noch ein weiteres Jahr den guten Hirtenknaben spielen.“

R. K. N.