Von Johann Albrecht v. Rantzau

Es ist eine weitverbreitete deutsche Neigung, alles, was ein praktischer Politiker schreibt oder sagt, für Irreführung, für eine Maskierung seiner wirklichen Ziele zu halten. Ja, der seit etwa einem Jahrhundert – mit welchem Enderfolge! – auf „Realpolitik“ und auf „Machiavellismus“ dressierten deutschen Sinnesart scheinen nur Verstellung und Irreführung die Kennzeichen des wahren Politikers zu sein. Mag diese Verstellung noch so plump ausfallen, mag sie noch so leicht durchschaubar sein, schon durch die Tatsache, daß sie Verstellung ist, erscheint sie dem Träger der deutschen Normal-Mentalität als wahrhaft politisch und .darum eines pfiffig-anerkennenden Lächelns wert. Was wird denn ein Staatsmann wie Stalin, so werden also unsere Feld-, Wald- und Wiesen-Machiavellisten zweifellos fragen, öffentlich von dem bekanntgeben, was er wirklich denkt und plant?

Kommen wir indessen ruhig dieser Denkweise entgegen und fordern wir die ihr verfallenen Leser unbedenklich auf, mit ihrem weltberühmten realpolitischen Verstände an diese Übersicht über die politischen Schriften des russischen Diktators heranzutreten. Dem einen oder anderen unter ihnen mag es dennoch aufgehen, wieviel Licht auf die sowjetische Politik unserer Tage aus Stalins Äußerungen fällt. Sine ira et studio seien im folgenden Stalins Verlautbarungen zu den wichtigsten Problemen der bolschewistischen Innen- und Außenpolitik wiedergegeben – den Liebhabern der Politik, vielmehr den Denkenden unter ihren Liebhabern, wird es gelingen, die angemessenen Schlußfolgerungen daraus zu ziehen.

Stalins Veröffentlichung nennt sich Problems of Leninism“ (Foreign Languages Publishing House, Moscow 1947), zu Deutsch also „Probleme des Leninismus“. Was ist dieser sogenannte Leninismus? Er ist nach Stalin die heute gültige marxistische Lehre, die einerseits den russischen Verhältnissen angepaßt, andererseits im Hinblick auf den fortgeschrittenen Kapitalismus unserer Tage: den „Imperialismus“; abgewandelt ist. Also hat der Marxismus zugestandenermaßen Veränderungen erfahren? Er hat es durchaus, wie schon Lenin in Anlehnung an Engels betonte: Marxismus, die Lehre von der Ablösung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch die klassenlose Gesellschaft mittels der Diktatur des Proletariats, will nicht starres Dogma; er will wandlungsfähige Theorie, er will Anweisung zu revolutionärem Handeln sein (Lenin, Ausgewählte Werke I, Moskau 1946). Und Stalin wiederholt es ausdrücklich: Korrekte revolutionäre Theorie ist niemals ein Dogma, sondern sie gewinnt Gestalt in enger Fühlung mit der praktischen Aktivität einer wahrhaften Massen- und Revolutionsbewegung.

Ist also die bolschewistische Lehre wandlungsfähig, so ist doch die Mitarbeit an dieser Wandlung ein Unterfangen, das bekanntlich nicht jedem Kommunisten anzuraten ist. Der Leninismus, wie Stalin ihn vertritt, stellt einige grundlegende Sätze als Generallinie heraus und verteidigt sie energisch oder erzwingt vielmehr ihre Innehaltung mit einer an religiösen Fanatismus grenzenden Intoleranz gegen jede Abweichung nach rechts und links. Die Grundwahrheiten sind teils fatalistischer, teils aktivistischer Natur. Sie sehen zwar die künftige politische und Wirtschaftliche Entwicklung der Welt als „wissenschaftlich“ bewiesen an, verdammen aber doch aufs schärfste jeden Verzicht auf bewußt revolutionäres Handeln. Einerseits lehren sie den unausbleiblichen Untergang des Kapitalismus infolge zwangsläufig sich verschärfender Krisen und infolge unvermeidlicher, aus Konkurrenzneid geborener Kriege der kapitalistischen Staaten untereinander oder mit dem einzig schon bestehenden sozialistischen Staat, der Sowjetunion. Andererseits verlangt die leninistische Lehre von Seiten der Arbeiterschaft den unbedingten Willen, durch revolutionäre Aktion das Ende des Kapitalismus zu beschleunigen, weil sich sonst sein Todeskampf infolge der nicht vorhersehbaren „Zickzackwege der Geschichte“ allzusehr verlängern könnte.