Kravchenko ist der mit Verspätung begonnenen 21. Sitzung ferngeblieben, weil er keine Lust habe, aus dem Munde der Advokaten noch einmal das gleiche zu hören, was die sowjetischen Zeugen bereits gesagt hätten. Maître Nordmann, das Haupt der vier Anwälte zählenden Verteidigung, fehlt ebenfalls, aber krankheitshalber.

Ab erstes erfährt man, daß neue Dokumente aus der Sowjetunion eingetroffen sind. „Reichlich spät“, bemerkt Maître Izard. Präsident Dürkheim ist sichtlich entsetzt, denn die Prüfung der neuen sowjetischen Beweisstücke durch Kravchenkos Anwälte wird ein Wiederaufleben der Debatten, die man abgeschlossen hoffte, mit sich bringen.

Kravchenko hat richtig vorausgesehen: das Plädoyer Maître Brugier’s bringt bis auf einige merkwürdige Verdeutlichungen des schon Gehörten keine neuen Elemente in das Bild, welches die sowjetischen Zeugen uns von dem Kläger gemacht haben. Gleich zu Anfang bestreitet Bruder, daß Kravchenko jemals irgendeine wichtige Funktion bekleidet habe. Sein Posten in Washington sei so unbedeutend gewesen, daß der General Rudenko ihn dort überhaupt nie zu Gesicht bekommen habe...!

Man fragt sich, wieso der General dem Gericht dann aber mit solch detaillierten Aussagen über Kravchenko aufwarten konnte. Hatte es doch schon viel Verwunderung erregt, daß Rudenko gegen dessen Ernennung auf den Washingtoner Posten keinen Einspruch erhoben hatte, denn nach allem, was er vor dem Gericht aussagte, mußte, er doch immer gewußt haben, was für ein Vogel Kravchenko war.

Viel Aufheben macht Maître Brugier von der aus Moskau soeben eingetroffenen Photokopie eines sowjetischen Fragebogens, der dem Gericht vorliegt und aus dem hervorgehe, daß Kravchenko entgegen seinen Behauptungen niemals der kommunistischen Jugendorganisation angehört habe. Aus dem gleichen Beweisstück ist aber zu sehen, daß Kravchenko nicht nur Ingenieur gewesen ist, sondern sogar der Chef einer ganzen Gruppe von Fabriken, eines sogenannten Kombinats. Freilich beeilt der Anwalt sich, die Wichtigkeit des erwähnten Postens zu verkleinern, denn bis zur Spitze, bis zum Metallminister, habe Kravchenko vier ihm übergeordnete Vorgesetzte gehabt. Außerdem seien kürzlich allerlei schwarze Dinge ans Tageslicht gekommen. Die genaue Nachprüfung der Geschäftsführung Kravchenkos in jenem Pnomtrust habe für die Zeit vom 1. März bis 1. Juli 1942 folgende Entdeckungen erlaubt: Erstens habe Kravchenko dreiundsechzigtausend Rubel des laufenden Betriebskapitals „verloren“ und nie ersetzt, zweitens habe er sich zweiundsiebzigtausend Rubel als Zahlung für zweitausendneunhundert und neuntausendneunhundert Unterhosen von der Militärintendanz mit Hilfe einer gefälschten Prokura zugesteckt und drittens habe er sich unter verschiedenen Vorwänden zwölftausend Rubel von dem Direktor einer Zahnbürstenfabrik, die Kravchenkos Kombinat unterstand, auszahlen lassen und sich geweigert, diese Summe an: die Zahnbürstenfabrik wiederzugeben. Im ganzen habe er hundertfünfzigtausend Rubel unterschlagen.

Dies ist das dritte Mal, daß Kravchenko von Sowjetseite der Unterschlagung beschuldigt wird, aber jedesmal hat man deren Höhe verschieden beziffert. Sind wir auch nicht solche Zahlenlichter und Gedächtniskünstler wie die Zeugen Vassilenko und Rudenko, so reicht unser simples und, in Gottes Namen, bourgeoises Denken dennoch aus, um vor solchen Varianten der Darstellung von Kravchenkos Verstößen gegen die persönliche Ehrlichkeit skeptisch zu werden. Auch begreifen wir nicht, wieso man diese Unregelmäßigkeiten erst kürzlich entdeckt haben will, behauptet doch Maître Brugier heute, sich auf das neue Sowjetdokument stützend, Kravchenko habe sich gewesen, jene zwölftausend Rubel zurückzuerstatten. War Kravchenko seit dem Sommer 1942 bis zu seinem Absprung in Washington im April 1944 nicht zu bewegen, dieses Diebesgeld zurückzugeben, dann kann es nicht gleichzeitig wahr sein, daß man die Unterschlagungen erst ganz vor kurzem aufgedeckt habe.