Von Hanns Braun

Das deutsche Nachkriegselend: daß überall abgelebte Fronten, ob politisch oder kulturell, wieder aufleben – tief erschreckendes Zeichen dafür, daß die Chance der Niederlage, die schöpferische Stunde des Neuanfangs und Strichdruntermachens, was zunächst wenigstens als Schock begriffen schien, bereits in hohem Maße wieder vertan ist. Die Affäre um Werner Egks "Abraxas"-Ballett, die in München selbst und natürlich auch außerhalb Bayerns so viele unmutige Kommentare gezeitigt hat, läßt gerade das wie in einem Brennspiegel sehen.

Was war geschehen? Der bayrische Kultusminister, Dr. Alois Hundhammer, von dem viele außer dem einprägsamen Namen nur den gleichfalls ungewöhnlichen Bart zu kennen scheinen, vielleicht auch noch, daß er der Exponent des Flügels der bayrischen CSU ist, der der Bayernpartei besonders nahesteht, dieser Dr. Hundhammer hat bald nach der (auch in der "Zeit" besprochenen) Münchner Uraufführung (Sommer 1948) besagtes Ballett in der Versenkung verschwinden lassen. Nachdem man hinreichend gewöhnt ist, daß Gastspiel- oder Urlaubsverträge der Prominenten die Opernspielpläne gar wunderlich zerstoppeln, wäre es wahrscheinlich nicht weiter aufgefallen. Wenn, ja wenn nicht der Autor-Komponist, Werner Egk, sich gerührt hätte!

In einer von autoritären Reminiszenzen weidlich verstörten Möchtegern-Demokratie wie der unsern kann es nicht wundernehmen, wenn daraufhin in der Preise, im Landtag, in Protestversammlungen künstlerischer Kreise die Frage erörtert wurde, ob die Sache ein solches Eingreifen rechtfertige und ob hierzu der Minister überhaupt berechtigt war. Um es kurz zu sagen: es scheint, daß er formal dazu berechtigt war, ungeachtet der Spielplanverantwortliche, der Lizenzträger, das heißt, der Operndirektor ist, und die bayrische Verfassung den Satz enthält, der so vielversprechend klingt, daß man ihn schon fast wieder nichtssagend heißen könnte: "Die Kunst soll frei sein". Nachdem die anfängliche Meinung, der Minister könne über den Verfassungsgerichtshof zur Ordnung gerufen werden, nicht mehr ganz ihrer sicher schien, ist mit jenem Satz von künstlerischer Seite viel argumentiert worden, ohne daß die alten Fragen: frei wovon? – frei wozu? – frei bis zu Welcher Grenze? – sich damit hätten losen lassen. Denn nur wer der Auffassung ist, Kunst sei nicht nur frei in actu (was ihr unter Hitler bestritten war), sondern auch im Sichveröffentlichen, also schrankenlos frei, offenbar weil sie Elemente in sich habe, die selbst das Unappetliche oder Obszöne durch Formung vergeistigen und entgiften, nur der kann im Falle "Abraxas" mit jenem Satz zu Rande kommen.

Es war im Falle "Abraxas" zumindest nicht unbegreiflich, daß der Minister die Lust, einzugreifen, verspürt hat. Ob es gut war, daß er ihr folgte, wird noch zu erörtern sein. Aber daß die eine Szene, um die der Streit geht, die Satansmesse, für viele hart an oder bereits jenseits der Grenze des Erträglichen war, geht objektiv doch auch daraus hervor, daß schon während der Proben auf Verlangen der Mitspieler manches geändert werden mußte, und daß der Komponist, Werner Egk, jetzt geltend macht, er habe Änderungen noch darüber hinaus angeboten.

Da erhebt sich nun gerade für den, der auch in der Kunst Grenzen des Geschmacks anerkennt, die Frage: warum ist der Minister auf diese so einfache Lösung nicht eingegangen? War ihm das Werk in toto so verleidet, daß er nichts mehr damit zu tun haben wollte? Oder wollte er das Absetzen, weil er es für den "stilleren" Weg hielt, während die Streichung wahrscheinlich sofort eine Debatte für oder wider ihren Urheber Entfesselt haben würde? Nicht von der Hand zu weisen, daß Dr. Hundhammer so argumentiert hat. Nur, daß ihm der erwünschte Effekt gründlich daneben geriet; nicht zum erstenmal übrigens; weshalb hier noch einiges über seine Methoden zu sagen bliebe.

Sie sind es nämlich, die nicht bloß seinen Gegnern auf die Nerven gehn, sondern auch vielen, die mit ihm überzeugt sind, daß nur Rechristianisierung "retten" könne. Aber kann es großen Ziele dienen, wenn zum Exempel Hundhammer jetzt mit dem Hinweis, der Finanzminister hätte für die drei beschädigten bayrischen Universitäten kein Geld, eine vierte in Regensburg entriert, "weil dort die Räume vorhanden seien", in Wahrheit, weil man dort jene "rein katholische" Universität zu errichten wünscht, vor der rheinische Katholiken universalistischer Prägung in ähnlichen Fällen als vor einer Rückkehr ins "Ghetto" gewarnt haben.