Planung – das zentrale Thema des 20. Jahrhunderts – war nach dem ersten Weltkrieg nur eine Angelegenheit der zusammengebrochenen nationalen Gesellschaftsordnungen in Rußland und Deutschland. Nach diesem zweiten Weltkrieg aber mit seinen wirtschaftlichen und politischen Folgen ist Planung auch die entscheidende Sorge der westlichen Welt. „Planning Society“ ist daher zum Lieblingsthema englischer und amerikanischer Schriftsteller und neuerdings auch der Philosophen geworden. So hat kein Geringerer als der englische Philosoph Lord Rüssel in einer Rundfunkreihe der BBC, London, unter dem Titel „Autorität und Individuum“ sechs Vorträge gehalten, in denen er die Problematik der modernen Gesellschaftsplanung erörterte. Er möchte sowohl den Menschen mit der modernen Zivilisation versöhnen als auch sicherstellen, daß er als Individuum mit bestimmten Naturanlagen trotz fortschreitender Vergesellschaftung die Freiheit seines individuellen Menschseins behält. Denn nur der individuelle Mensch kann, schöpferisch sein.

Daß Planung notwendig sei, steht auch für Rüssel außer Frage. Die -gesellschaftliche, ökonomische und politische Situation in der Welt ist ohne Planungsmaßnahmen gar nicht mehr zu bewältigen. Und doch! Wenn wir die Organisation ihrer eigenen inneren Dynamik überlassen, dürfte die Menschheit in den Abgrund stürzen.

Rüssel untersucht zunächst jene Naturanlagen des Menschen, die seinen gesellschaftlichen Zusammenhalt bestimmen. Und er kommt zu dem Ergebnis, daß die Familie die ursprüngliche menschliche Gemeinschaft sei. Alle größeren Gemeinschaften dagegen kamen entweder durch den Zwang zur Zusammenarbeit oder durch die Furcht vor Feinden zustande.

Da ist indes in der abendländischen Entwicklung die Organisation als Herrschaft und Regierung entstanden, die die natürlichen Gemeinschaften zwangsmäßig zusammenhält und die als technische Massenorganisation das Individuum zum Rädchen degradiert. Von dieser Massenorganisation ist heute sogar der schöpferische Mensch abhängig –: er muß die technische Massenorganisation beherrschen, wenn er sich durchsetzen will. Große Menschen – sagt Rüssel – sind heute nur noch als politische Führer, Industrielle, Physiker und schließlich als – Verbrecher möglich. Und der Genius der Kunst? Ist das vergesellschaftete Leben denn noch ein Boden für künstlerisches, kulturelles Gedeihen? „Wir wissen zu viel und fühlen zu wenig und leben viel zu zweckhaft“, erwidert Rüssel. „Nicht durch Akademien könne die menschliche Kultur erhalten und fortentwickelt werden, sondern dadurch, daß der einzelne Mensch seine volle Erlebnisfähigkeit wiedergewinnt!

Seine Analyse der Lebensbedingungen der abendländischen Menschheit beendete Lord Rüssel mit folgendem Satz: „Ohne Kontrolle und planende Herrrschaft gibt es nur Anarchie; doch ohne persönliche Freiheit und Initiative gibt es nur Stillstand und Erstarrung der menschlichen Entwicklung.“

Nach Rüssel ist es die Aufgabe jeder Regierung, für Sicherheit, Gerechtigkeit und Erhaltung des Lebens zu sorgen. Zu diesem Ziele braucht jede Regierung ein erhebliches Maß an Planung und Kontrolle. Dabei ist Sicherheit der Gesellschaft gegen Feinde von außen und innennoch nicht genug, es muß heute auch Sicherheit gegen wirtschaftliches Elend geben, und deshalb kann die wirtschaftliche Entwicklung nicht länger sich selber überlassen bleiben. Ebenso muß die politische Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft mehr denn je durch soziale Gerechtigkeit ergänzt wenden. Alle Sicherheit und alle Gerechtigkeit aber finden innerhalb der zeitlichen und wechselnden Welt ihre Grenzen. Die dritte Aufgabe, die Erhaltung des Lebens, schließt auch die Erhaltung der Lebensgrundlagen der Menschheit, der Agrarflächen und Rohstoffquellen, ein. Auch hier ist weltweite Planung notwendig. Rüssel wünscht nun eine Hierarchie der Herrschaft und Organisation, von den kleinsten Körperschaften der Gemeinde angefangen bis hinauf zu einer Weltregierung, wobei jede jedoch nur jenes Maß an Macht haben soll, das zur Durchführung ihrer speziellen Aufgaben notwendig ist; zum Beispiel soll die Weltregierung nur die Exekutivgewalt zur Sicherung des Weltfriedens haben.

Hier aber kommt es uns vor, als ob Rüssels Theorie ans Utopische grenze. Verkennt er nicht, daß jede organisierte Macht nach Selbstmehrung strebt? Diese Erkenntnis sollten wir Nietzsche ruhig glauben! Daß die höheren Machtorganisationen sich zugunsten der niederen – wie Rüssel es wünscht – bescheiden werden, dürfte in praxi recht unwahrscheinlich sein.