New York war drei Tage lang Schauplatz eines Schaukongresses; eines sogenannten „Weltfriedenskongresses“, den der amerikanische sogenannte „Nationalrat für Künste. und Wissenschaften einberufen hatte. Worauf es dabei abgesehen war, enthüllt die amtliche sowjetische Nachrichtenagentur Tass (laut Radio Moskau), indem sie behauptet, der Kongreß sei ein „moralischer und politischer Sieg der fortschrittlichen Amerikaner über das State Department“ gewesen. Während der Tagung seien wiederholt die Redner spontan von stürmischem Beifall unterbrochen worden, wenn sie den Versuchen der Reaktionäre, die Friedenskräfte zu spalten und zu schwächen, entschlossen entgegengetreten seien.

Der Kongreß stand unter kommunistischem Protektorat. Die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten hatten Delegationen entsandt. Sie attackietten die „kriegshetzerische“ Politik des Gastlandes und priesen die abgründige Friedensliebe ihrer Regierungen. Nicht nur die Friedens-, vor allen auch die Freiheitsliebe in jeder Beziehung, auf jedem Gebiete, besonders dem der Überzeugung und der Meinungsäußerung. Unter den russischen Delegierten befand sich auch der kürzlich von der Partei wegen unvorschriftsmäßiger Konpositionstechnik gemaßregelte Musiker Dimitrij Schostakowitsch, der auch hier wieder bekannte, durch die profunde Sachkenntnis der sowjetischen Kulturpolizisten (er formulierte das natürlich anders) vor schrecklichen Irrtümern bewahrt und auf den Weg der amtlich geeichten Wahrheit von 1948 (die russische Kunstwahrheit von 1920 etwa sah anders aus) gewiesen worden zu sein. Er wandte sich in gut memorierter Rede gegen den „Verleumdungsfeldzug“ des Westens und forderte von den fortschrittlichen Künstlern aller Welt, sie sollten Führer werden im Kampf gegen die neuen Weltherrschafts – Aspiranten (natürlich nur die auf der Gegenseite). – –

Es sprach auch der sowjetische Schriftsteller Fadejew als Herold der russischen Friedensbotschaft, es sprach Henry Wallace als Befürworter einer neuen Fühlungnahme zwischen Taiwan und Stalin; es sprach noch mancher manches, was erhebend und vertrauenerweckend klang. Am Ende beschloß man feierlich ernsthafte Schritte zur Förderung der allgemeinen Geistes-, Gedanken, und Redefreiheit im Dienste unerschütterlicher Friedlichkeit.

In einer Gegenkonferenz ertönte eine weniger verführerische Musik: hier nämlich kam die russische Lehrerin Kosenkina zu Wort (die bekanntlich vor wenigen Monaten aus einem Fenster der New Yorker Sowjetbotschaft gesprungen war, um der zwangsweisen Rückführung in die Sowjetunion zu entgehen). Sie war so prosaisch, zu behaupten, in Wirklichkeit seien in den Sowjetlanden Religions-, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit unbekannt.

Der gleichen Ansicht wie diese Frau muß ja wohl auch der amerikanische Außenminister Dean Acheson gewesen sein und daher ein gewisses Unbehagen, ein begründetes Mißtrauen gegen die kommunistische Weltverbrüderungsveranstaltung empfunden haben. Jedenfalls hatte er jene „Weltfriedenskonferenz“ eine „kommunistische Propagandaangelegenheit“ genannt. Dies zog ihm eine strenge Belehrung von Seiten Thomas Manns zu, der in einer Botschaft an den „Weltfriedenskongreß“ feststellte, Dean Acheson habe mit seinen Worten viel dazu beigetragen, das von ihm selbst vertretene Gedankengut zu diskreditieren.

Vielleicht – wahrscheinlich kennt Thomas Mann die amerikanischen Verhältnisse besser als wir. Dafür kennen wir gewisse falsche Töne, verstimmte Instrumente und allzu durchsichtig komponierte Musiken (zumal solche mit Variationen über das Thema „Freiheit, Friede und Weltbeglückung“) besser als er. Auf diesem Gebiete hätte er gleich zuverlässige Erfahrungen wie wir nur sammeln können, wenn er – der ja überzeugt war, daß das Dritte Reich durch Revolution hätte beseitigt werden können – hier geblieben wäre, um tätig an der Vorbereitung und Durchführung dieser Revolution mitzuwirken. Aber er zog schon damals Botschaften und Belehrungen vor. Diesmal freilich scheint ihn obendrein sein sonst so bewährter Scharfblick verlassen zu haben... Wer die letzten sechzehn Jahre in Deutschland gelebt hat, weiß endlich auch, daß Faschismus und Bolschewismus keineswegs unvereinbare Gegensätze sind, sondern Konkurrenzunternehmen, die sich nur durch belanglose Nebensächlichkeiten voneinander unterscheiden. Wir, die wir dieses Wissen haben, sehen mit Sorge die große Gefahr für die Zukunft der Menschlichkeit, die daraus erwächst, daß immer wieder Persönlichkeiten von weittragendem Einfluß, aber ohne reale Erfahrung, Bekenntnisse zu vermeintlichen Fortschrittsprogrammen ablegen, hinter denen sie eines Tages eine unerwartete Wirklichkeit erkennen müssen – wenn es für die Betroffenen zu spät ist, für sie selbst aber gerade noch früh genug, um sich den Folgen zu entziehen.

Der New Yorker Friedenskongreß ist beendet, die Freiheit ist proklamiert, das State Department entlarvt, Minister Acheson hat seine Rüge weg und von Thomas Mann wird wieder gesprochen.

Die Sowjets sind zufrieden. S. V.