Europa tagt wiederum – diesmal in London. Dennoch verdienen die Zehnmächte-Besprechungen der Botschafter, Frankreichs, Italiens, Schwedens, Dänemarks, Norwegens, Islands und der drei Beneluxländer mit dem Vertreter Großbritanniens im ständigen Ausschuß der Westunion besondere Beachtung. Europa berät seine Verfassung – hinter verschlossenen Türen. Das ist bedauerlich. Und eine der unglücklichsten Blüten, die in der Treibhausluft nicht öffentlicher Blüten, gen gediehen, ist offenbar der Streit über die vorgesehene Stellung Deutschlands im zukünftigen „Rat für Europa“.

Nicht viel drang bisher durch die dickgepolsterten Türen des Foreign Office an die Außenwelt, aber die Zurückhaltung gegenüber Deutschland, die ihren ersten Niederschlag in Bevins jüngster Unterhausrede fand – „Wir müssen die Verbindung Deutschlands mit der übrigen Westunion bis zur Einsetzung einer repräsentativen Regierung auf irgendeine Weise aufrechterhalten“ –, diese Zurückhaltung ging daraus hervor. Die Frage einer Beteiligung Deutschlands an dem „Rat für Europa“ sei noch völlig offen, berichteten die „Basler Nachrichten“ aus London. In politischen und diplomatischen Kreisen der britischen Hauptstadt sei eine bedeutend verschärfte Stimmung gegenüber Deutschland festzustellen.

Ohne Zweifel ist die Aufnahme Deutschlands in das zukünftige Europa ein Thema, das von uns viel Takt, und von den anderen Nationen einen gewissen Großmut erfordert. Ohne Zweifel aber auch, daß es ein wirkliches Europa ohne ein gleichberechtigtes Deutschland gar nicht geben kann. Die „Bewegung für ein Vereintes Europa“ hat das längst erkannt. Die Vorbereitungen für die Errichtung einer deutschen Sektion, des „Deutschen Rates“ zeigten das, und Churchills, in Boston wie selbstverständlich ausgesprochene Worte: „Die Wiedergesundung und Vereinigung Europas kann ohne die ehrliche und freiwillige Mitarbeit des deutschen Volkes nicht verwirklicht werden“, haben es jetzt erneut bewiesen. Das inoffizielle Europa ist dem offiziellen wieder einmal um Längen voraus. Vielleicht, daß die Außenminister der gegenwärtig in London tagenden Staaten auf ihrer, für bald nach Ostern vorgesehenen Sitzung etwas von diesem Vorsprung einholen werden. Es wäre jedenfalls zu hoffen; nicht nur für Deutschland. C. J.