Der Verfasser dieses Berichts war bis Juli 1948 Präsident der Thüringischen Staatsbank in Weimar und Vizepräsident des Thüringer Landtags. Über seine Flucht aus der Ostzone wurde seinerzeit in der Presse ausführlich berichtet. Dr. Alphons Gaertner ist also über die Weimarer Verhältnisse bestens orientiert und hatte obendrein über das Thema „Goethe“ eine persönliche Unterhaltung mit Oberst Tulpanow, auf die er hier Bezug nimmt.

Wenn ich Goethe und Tulpanow gemeinsam nenne, so habe ich nicht die Absicht, Unvergleichbares zu vergleichen. Goethe ist – Goethe und Oberst Sergej Tulpanow ist der Chef der Informationsabteilung in Karlshorst, der Mann, dem die politische und geistige Koordinierung der Ostzone im Sinne des orthodoxen Bolschewismus obliegt. Sein Beitrag zur Eröffnung des Goethe-Feierjahres liegt bereits vor. Dieses Goethe-Jahr wird uns offenbar neue Erkenntnisse bringen; es wird den Olympier in neue Beziehungen setzen, von denen die Literaturwissenschaft sich nichts hat träumen lassen. Und dabei wähnte sie, gerade dieses Leben bis in seine tiefsten Tiefen ausgelotet zu haben.

Schon vor zwei Jahren versammelten sich in Weimar Berufene, um Vorbereitungen für die Feier des zweiten Zentenariums Goethes zu treffen. Es war zunächst ein kleiner Kreis, dem nichts anderes am Herzen lag, als dem Genius würdig zu huldigen. Die Erinnerung an die Weltfeier von 1932, die in Weimar noch einmal eine Schar erlesener Geister versammelt hatte, bevor die Lichter über Europa erloschen und das große Grauen über die Welt kam, schwebte dem aktiven und begeisterten Hüter des Goetheschen Erbes, dem Leiter des Goethe-Nationalmuseums; Professor Hans Wahl, vor. Ein plötzlicher Tod hat ihn vor wenigen Wochen, gnädig davor bewahrt, seine hohe Idee in die Gosse politischer Propaganda herabgezogen zu sehen. Denn um Weimar spielen nicht mehr die Grazien einer versunkenen Zeit, die man zum hohen Feste rufen könnte, und nur wenige derer, die Verbindung zum Geiste haben, möchten dort zum Augenblicke sagen: ,Verweile doch, du bist so schön!‘ Amtlich bestellter Verwalter der Weimarer Kultur ist der Minister für Volksbildung, jetzt Frau Dr. Marie Torhorst. Eine überzeugte Kommunistin, die vor kurzem in Sowjetrußland die höheren Weihen der Kominform empfangen hat. Keine Goethesche Menschlichkeit mildert ihr doktrinäres Denken; von ihrer Fraulichkeit strahlt keine versöhnende Wärme aus. Da der Staat Kredite für die Goethe-Feiern zur Verfügung stellt, bildet sich bei ihr die Zentrale der Vorbereitungen. Sie präsidiert einem Riesenkomitee, dessen Zusammensetzung die Politik bestimmt. Ein junger begabter Dichter, Heinz Winfried Sabais, wird mit der Geschäftsführung des Goethe-Ausschusses beauftragt. In einer der ersten Sitzungen legt er den Entwurf eines Aufrufs vor, in dem der politisch Unerfahrene den Dichter Goethe als den größten Deutschen bezeichnet. Heftiger Widerspruch der kommunistischen Kulturexperten! Der größte Deutsche? Darüber könne man füglich streiten, diesen Rang könne auch Karl Marx beanspruchen! Die Stelle wird geändert. Professor Henselmann, ein aktives Mitglied des Ausschusses, dessen equilibristische Dialektik allein ihn dazu qualifiziert, seit vier Jahren als Leiter des ehemaligen Bauhauses Nachfolger von Van de Velde und Gropius zu sein, macht einen seiner paradoxen Vorschläge: man möge im Goethe-Jahr in Weimar eine Ausstellung veranstalten, die aller Welt zeigen soll, wie wenig Goethes Werk und Lehre auf die Deutschen gewirkt haben; also eine Manifestation deutschen Ungenügens. Der seltsame Vorschlag findet selbst bei den Radikalen wenig Gegenliebe.

Es ist das vordringliche Bemühen des Ausschusses, Weimar, das unglücklicherweise gerade an seinen klassischen Stäaten beträchtliche Bombenschäden erlitten hat, und dessen Aufnahmefähigkeit durch eine außerordentlich starke Belegung mit Besatzungstruppen und sowjetischem Verwaltungspersonal auf ein Mindestmaß verringert ist, durch Instandsetzungsarbeiten und Neubauten zwar nicht den unwiederbringlichen Zauber, aber doch die festliche Folie zurückzugeben. Aber dazu bedarf es der Zustimmung der sowjetischen Behörden. Monate hindurch sind alle Bemühungen erfolglos, zumal es an den notwendigsten Materialien fehlt. Aber endlich, wenige Monate vor dem festlichen Anlaß, erging ein Befehl des Marschalls der Sowjetunion, Sokolowski, durch den „in Anbetracht der großen kulturellen Bedeutung des Goethe-Jubiläums für das deutsche Volk“ (das davon offenbar noch nichts weiß) der unter Vorsitz des Dichters Johannes R. Becher ausgearbeitete Plan des deutschen Jubiläumskomitees bestätigt wird. Denn nicht mehr Weimar und Thüringen, sondern die Zentralverwaltung für Volksbildung bestimmt-Inhalt und Form der Feiern. Damit ist ihre Ausrichtung im Sinne integraler marxistischer Goethe-Deutung gewährleistet.

Und Oberst Tulpanow eröffnete selbst den festlichen Reigen. In der sowjetamtlichen Täglichen Rundschau schreibt er zum bevorstehenden Jubiläum: „Dieser Tag soll für die gesamte fortschrittliche Menschheit ein wahrer Kulturfeiertag werden. Ganz besonders eindringlich wird an diesem Tage die junge und erstarkende Demokratie ihres genialen Ahnen rühmend gedenken.“ Die Demokratie, für die der hohe Name Goethes beschworen wird, ist jene moderne Abart, die Herr Tulpanow sonst als Volksdemokratie zu bezeichnen pflegt. Von ihr allerdings hätte sich ein Geist schaudernd abgewandt, der vom höchsten Glück der Erdenkinder eine andere Vorstellung hatte als die modernen Sklavenhalter des Totalitarismus. In seiner lärmenden Einleitung zum Goethe-Jahr beschuldigt Tulpanow die westdeutsche Reaktion, daß sie Goethe mit hysterischen Reden zum modernen Existentialisten zurechtschmiede und ihn durch grobe Fälschungen „als Stammvater der Dekadenz in Philosophie und Kunst darstelle.“ Er kündigt an: „Gegenüber diesen widerlichen Versuchen der Reaktionäre, sich an den großen Namen Goethes anzuhängen, rüstet sich die kämpferische antifaschistische deutsche Demokratie, erschöpfend und wahrheitsgetreu aufzuzeigen, was Goethe .... bedeutet.“ Tulpanow hat von dem Mut Gebrauch gemacht, den ihm Goethe empfiehlt:

Hab nur den Mut, die Meinung frei zu sagen und ungestört!

Es wird den Zweifel in die Seele tragen dem, der es hört.“