Immer wieder beobachten wir in den islamischen Ländern, daß westlich begeisterte Reformer an der Zähigkeit scheitern, mit der die Araber an ihren Traditionen festhalten. Khaled el Azam, der in einem Militärhospital von Damaskus festgesetzt worden ist, wurde für die Schuld vorangegangener Regierungen zur Rechenschaft gezogen. Er hatte es nicht vermocht, den Sumpf von ineinander verfilzten Partei- und Familieninteressen zu überbrücken, versank vielmehr mit seinem eigenen Finanz- und Wirtschaftsprogramm darin. Vielleicht ist er auch zu lange in Frankreich gewesen, um die wahren Kräfte zu erkennen, die in seiner Heimat wirksam waren, und es mag sein, daß er für die Schutzhaft, in die ihn jetzt General Hosni Zaim nahm, gar nicht undankbar ist...

Denn im Gegensatz zu bisherigen Volksreaktionen auf „westliche Neuerer“ verlief der Staatsstreich des jungen syrischen Generalstabschefs vom 30. März völlig unblutig und überraschend diszipliniert. Hosni Zaim gehört zu den Offizieren der arabischen Armeen, die, auf europäischen Kriegsakademien ausgebildet wurden, doch nie den Kontakt mit den besten Kräften ihrer Heimat verloren haben. Er war schon unter der französischen Mandatsverwaltung Oberst geworden und soll 1943 von General Catroux, als der Zusammenarbeit mit der deutschen Syrien-Mission Verdächtig, festgesetzt worden sein. Die syrische Unabhängigkeit gab auch ihm die Freiheit und die Möglichkeit einer raschen Karriere Die Erfahrungen des Palästinafeldzuges, in dem die Gelder für die syrische Armee doch nie bis zu dieser gelangten, scheinen ihn zum Politiker gemacht zu haben.

Hinter ihm stehen die Volkspartei und die „Partei der Auferstehung“, die Studenten der Universität Damaskus und die Jugend des Landes. Weiteste Kreise der Bevölkerung begrüßten dieProklamation des Staatsstreichs, der zu keinerlei Unruhen führte und die Aufhebung der Sperrstunde und der Grenzsperren Schon nach 24 Stunden ermöglichte.

Die verhafteten Minister wurden noch am gleichen Tage freigelassen; Staatspräsident Schukri el Kwatli wurde inzwischen im Flugzeug nach „einem Ort seiner Wahl im Orient“ geleitet, und bei Ministerpräsident Azam hat man eher den Eindruck einer Ehrenhaft als einer Einkerkerung.

Mit dem Staatspräsidenten ist eins der großten Hindernisse für das Aufgehen Syriens in Großsyrien beseitigt. Eindeutige Äußerungen General Zaims fehlen noch, aber nach seiner langen, „in freundschaftlichem Geist geführten“ Besprechung mit einem Sondergesandten König Abdallahs und bei der bekannten, Großsyrien freundlichen, Einstellung der syrischen Jugend darf man annehmen, daß Zaim einem solchen Zusammenschluß kein Hindernis in den Weg legen wird. Auch dürften die Bemühungen der Regierung Azam: Syrien aus seiner außenpolitischen Isolierung herauszuführen, fortgesetzt werden, zumal der General wiederholt den rein innenpolitischen Charakter des Staatsstreichs betonte und Einhaltung aller bestehenden Vertrag gelobte. Ob-allerdings die noch nicht ratifizierten Erdöl Verträge in ihrer jetzigen Form Aussicht auf Annahme durch das neue syrische Parlament haben werden, ist zweifelhaft. Die neue Kammer soll aus 60 Abgeordneten, und zwar nur Vertretern der seßhaften Stadtbevölkerung, bestehen, während die großen Beduinenstämme in einer Sondermission vertreten sein sollen.

An einer Stelle hat General Zaim allerdings energisch zugegriffen: Führer der verbotenen Kommunistischen Partei, die unter den liberalen Anschauungen Azams ziemlich ungeniert arbeiten konnten, wurden verhaftet, obwohl sie mit Flugzetteln voll entrüsteter nationalistischer Phrasen sich zum Verbündeten derjenigen machen wollten, die Azam stürzten. Oder vielleicht gerade deshalb ... Peter H. Schulze