Professor Dr. Nölting. der Wirtschaftsminister für Nordrhein-Westfalen, hat auf einer Kundgebung in Wuppertal, wie dpd berichtet, die immerhin erstaunliche Feststellung gemacht: es seien Symptome für einen Konjunkturumschwung vorhanden. Dieser Optimismus erscheint uns nun allerdings verfrüht.

Wir sind zwar davon überzeugt, daß sich jetzt eine saisonmäßige Entspannung am Arbeitsmarkt starker bemerkbar macht, daß die gewerbliche Erzeugung (nach Mengen, nicht nach Werten gemessen) und damit auch die Transport- und Verkehrsleistung gehalten werden kann und daß schließlich die sogenannte Geldknappheit nachlassen wird. Diese beruht ja im wesentlichen auf verringerter Nachfrage seitens der Masse der Konsumenten; sie ist die natürliche Folge des Aufzehrens jener im Zuge der Geldneuordnung zusätzlich – über das laufende Volkseinkommen hinaus – geschaffenen „Kaufkraft“. Oder genauer gesagt: die Folge der schnellen Verausgabung jener zusätzlich gegebenen Mittel, die vorwiegend als „Notgroschen“ und „Kassenbestände“, als Reserven überhaupt (so die umgestellten Guthaben!) gedacht waren, über Verbrauch, Lageranbau und Investitionen.

Daß dergestalt eine wirkliche Bindung der flüssigen Mittel und ein allmähliches Nachlassen der Überliquidität eingetreten ist, hat wohl nur diejenigen überrascht, die doktrinär an der allzu primitiven Theorie festgehalten haben, wonach zusätzlich als Einkommen und ^^Investitionen verwandte Mittel nun auch immer wieder und immer weiter als zusätzliche Einkommen in Erscheinung treten müßten. Bei dieser Art der Betrachtung aber, die zu stark an den Ziffern haftet, zu wenig die funktionalen Zusammenhänge berücksichtigt, bleiben die gegenläufigen Momente außer Ansatz, die tatsächlich zu einer Festlegung und Neutralisierung liquider Mittel führen, insbesondere durch das Wirksamwerden von Preiserhöhungen, durch verstärkte Kassenhaltung, und weiterhin durch das Offenbare werden von Fehldispositionen und Fehlinvestitionen in Gestalt von Zahlungsstockungen und -einstellungen. Ein wesentlicher Faktor In dieser Entwicklung, freilich durchaus nicht – wie es heute vielfach, in unzulässiger Simplifizierung des Sachverhaltes „gesehen“ wird – das auslösende Moment hierfür, war die restriktive Kreditpolitik. Sie hat zwar nicht dazu geführt, daß (wie angekündigt oder „angedroht“ worden war), das Kreditvolumen auf den Stand vom 31. Oktober starr begrenzt worden ist, aber sie hat einer „Anpassung“ des Kreditvolumens an das erheblich gestiegene Umsatzvolumen – größere Mengenumsätze bei höheren Preisen – erfolgreich Widerstand geleistet, und somit ihren Zweck erfüllt. Das Abgleiten in die Inflation, das bei einer voll entsprechenden Kreditausweitung unvermeidlich gewesen wäre, ist so verhindert worden.

Auch die Sterilisierung von beträchtlichen Mitteln in den Kassen der öffentlichen Hand (nach dem letzten Ausweis handelt es sich da um rund 1,4 Mrd. bei 112 Bankinstituten) und, noch fühlbarer, von DM-Erlösen aus gestundeten Einfuhren, hat beim Abbau der Überliquidität mitgewirkt. Um welche Summen es, sich bei den zuletzt genannten Posten handeln könnte, war lange Zeit hindurch das große Rätsel. Von Rechts wegen müßte der Ausweis der Bank deutscher Länder: hierüber Auskunft geben können. Die dabei allein in Frage kommende Position des Ausweises aber, „Sonstige Konten zur Abwicklung der Auslandsgeschäfte“, zeigte keinen nennenswerten Einlagen-Saldo, und so kam die Meinung auf, daß diese Mittel eben „anderweitig verbraucht“ sein müßten: etwa für Besatzungskosten, die man den Ländern nicht habe zumuten können, und für die Kosten der Luftbrücke. Mit erleichtertem Aufatmen hörte die Wirtschaft dann, daß General Clay von 350 Mill. DM sprach, die auf jenen Konten liegen und also „demnächst“ der Wiederaufbaubank für Investitionen verfüglich gemacht werden könnten. Inzwischen ist diese Summe auf 400 Mill. beziffert worden. Und neuerdings ist, durch eine längst fällige Zweckindiskretion, nun auch bekannt geworden, daß ein nicht veröffentlicher Annex zum Ausweis der Bank deutscher Länder die „richtigen“ Ziffern enthält. Nach dem Stand von Ende Februar waren 390 Mill. an Einfuhrerlösen nach Kategorie A und 150 Mill. aus den Gegenwerten der ERP-Lieferungen „greifbar“.

Diese Mittel, oder doch wenigstens 400 Mill. davon, und zusätzlich weitere Gelder des „normalen“ Kapitalmarkts, sowie Teilbeträge aus den Reserven der öffentlichen Hand sowie die 250 Mill. aus dem „halben Prozent“ der Festkontenregelung werden also über kurz oder lang als Investitionskredite zu tröpfeln beginnen – zugunsten des bekannten Ausbau-Programms für Elektrizitätswerke und Zechen, um der Energieknappheit, dem „Problem Nr. 1“ unserer Zeit, abzuhelfen, zugunsten ferner der Eisenbahn, des Binnen- und Küstenschiffahrtverkehrs, sowie für noch einige andere als vordringlich anerkannte Aufgaben.

Damit rundet sich das Bild unserer Konjunkturprognose. Denn, gestützt auf diese Fakten, können wir nun sagen, daß die zunächst von der Konsumseite her forcierte Nachfragekonjunktur, die bis in den Dezember hinein angehalten hat, um dann erwartungsgemäß „auszulaufen“, künftig von der Investitionsseite her (und über die Löhne, in die sich die Anlagekredite verwandeln) einen neuen Auftrieb erhalten wird. Man sollte aber eher von einer Normalisierung des konjunkturellen Geschehens sprechen, als nun gleich einen „Umschwung“ prophezeien zu wollen. Das erscheint uns heute noch etwas zu voreilig.

Allerdings ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß wir die diesbezüglichen Andeutungen Prof. Nöltings, von denen eingangs die Rede war, völlig falsch verstanden haben. Er hat nämlich im gleichen Atemzug die nicht sehr originelle Erkenntnis gepredigt, wonach „hohe Preise und Zinsen“ schon immer das charakteristische Merkmal für Zeiten des Aufbaus gewesen sind: eine wohltuende Erkenntnis immerhin, aus diesem Munde, und nach der Zeit eines nicht immer sachlich geführten Feldzuges gegen „die“ Teuerung, gegen Preisüberhöhungen und für die Rückkehr zum Zwangspreissystem! Aus dieser Ideenverbindung aber könnte die Schlußfolgerung gezogen werden, daß Prof. Nölting, wenn er von Symptomen des Konjunkturumschwungs spricht, nicht die Wendung zum Besseren meint, sondern ein Abflauen oder gar eine „echte“ (deflatorische) Schrumpfung des Geschäfts prognostizieren will. Damit käme er nun freilich nicht nur einen Posttag zu spät, sondern wäre um mehr als ein volles Vierteljahr hinter der Zeit zurück. Soviel professorale Weltfremdheit aber ist bei einem Wirtschaftsminister doch wohl nicht anzunehmen. Oder...?