Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Anfang April

Die entscheidende Regierungsinstanz der sowjetisch besetzten Zone, die „Deutsche Wirtschaftskommission“, hat einen Wirtschafts- und einen Kulturplan publiziert. Selbstverständlich in dem Diktaturstil, der diesem deutschen Landstrich eigen ist. Die sogenannte Diskussion der Vorlagen beschränkte sich auf gestaffelte Beifallskundgebungen.

Der Kulturplan ähnelt peinlich den Programmen, in denen sich der kunstfreudige Staat Hitlers so sehr gefiel. Prämien für Künstler und Wissenschaftler, zusätzliche Betriebsverpflegung für Theater- und Orchesterensemble, Schwerarbeiter-Zulagen für Lehrer und Ärzte, Steuervergünstigung für Schriftsteller und Künstler, Pensionen für „um das Volk“ besonders verdiente Wissenschaftler, Ehrenbezeichnungen, goldene Ringe, goldene Nadeln, Titel und Geldprämien für „Verdiente“, 18 Goethepreise für künstlerische und literarische Leistungen, außerordentliche Geldzuwendungen an die „Akademie der Wissenschaften“, Einrichtung von dreijährigen „Arbeiter- und BauernfakultätenStipendien für wissenschaftlichen Nachwuchs, dies und anderes soll ab April 1949 in Kraft treten. Der Staat als großzügiger Mäzen. Was „Verdienste“ sind, bestimmen natürlich die Ausschüsse der „Deutschen Wirtschaftskommission“ nach Vorschlägen der Massenorganisationen...

Aufs neue wird die Kultur „ausgerichtet“; diesmal aber soll der Köder des materiellen Vorteils noch eindeutiger locken „Wir haben wahrlich keinen Überfluß an Wissenschaftlern“, ließ Otto Grotewohl, der SED-Vorsitzende, sich zur Kommentierung dieser Verordnung vernehmen. Er wandte viel Beredsamkeit daran, der großen Masse der zu Henneckeschichten aufgepeitschten Arbeiterschaft die Notwendigkeit solcher Intelligenz-„Aufforstung“ klar zu machen. Wie sehr dieser überschwängliche „Kulturplan“ durch die Flucht der geistig und künstlerisch Tätigen nach dem Westen verursacht wurde, geht aus der Dringlichkeit hervor, mit welcher Marschall Sokolowski vor seiner Abberufung der „Wirtschaftskommission“ eben diese Verordnung zur Auflage Nr. 1 gemacht hat.

Sollten etwa die goldenen Ketten dieses Plans in Westdeutschland als große „Kulturtat“ locken, sc möge man die nüchternen Punkte des Wirtschaftsplans als Kommentar dazu nehmen. Er ist ein Teil des Zweijahresplans, der in den Jahren 1949 und 1950 die sowjetisch besetzte Zone auf bestimmte Sollsätze zu bringen trachtet. Da für solchen Plan aber die Ausgangsziffern fehlen, schwimmen die Produktionserhöhungen fehlen, in den Hoffnungsbilanzen umher. Die eigentlich bewegenden Probleme der Ostzone, ihr Lebensstandard, ihre wirtschaftliche Existenzfähigkeit, ihre Austauschmöglichkeiten werden: nur in kargen Randbemerkungen berührt: so etwa erfährt man, daß der völlige Ausfall der Ruhrfehle und des Stahls für die Ostzone ein einstweilen nicht lösbares Problem darstellt und daß die zwei oder drei Hüttenwerke, die ersatzweise unter ungeheurem Aufwand erstellt worden sind, nicht entfernt in der Lage sind, die erhofften Rohstoffe zu liefern. Der optimistische Zahlenrausch wird weiter gedämpft durch die Feststellung, daß es wichtiger sei, Maschinen zu Exportzwecken herzustellen als Gebrauchsgüter als Eisen und Metall zu fertigen; daß für Leder- und Schuhwaren die Produktion, von Kunststoffen aufs Äußerste entwickelt werden müßte; daß die Textilerzeugung zwar nicht gesteigert, aber durch den Wegfall von Reparationslieferungen ein Ausgleich zwischen Bevölkerungsbedarf und Exportnotwendigkeit hergestellt werden könne und schließlich daß die Rohstoffschwierigkeiten des Handwerks, solange hier kein Anschluß an die „volkseigenen Betriebe“ bestehe, sein erheblich seien.

Der dringende Ruf nach Physikern, Konstrukteuren, Entwicklungsingenieuren steht alarmierend über dieser scheinbar in eine bessere wirtschaftliche Zukunft hinausleuchtenden Planvision und bildet so die reale Ergänzung zu dem gleichzeitig plakatierten „Kulturplan“.