Graf Sforza hat neulich geäußert, er könne sich nur darüber wundern, daß es auch nach dem Beitritt Italiens zum Atlantikpakt noch immer Leute gäbe, die an der Legitimität der Ansprüche seines Landes auf die früheren afrikanischen Kolonien zweifelten. In der Tat: es geht nicht darum, daß die Ansprüche heute legitimer wären als vor zwei Jahren bei der Unterzeichnung des italienischen Friedensvertrages, sondern es ist ganz einfach so, daß der politische Standort Italiens mittlerweile ein anderer geworden ist.

Damals war Italien durch den Krieg und die Niederlage isoliert und zur Passivität verdammt. Überall waren noch die Erinnerungen an die faschistisch-imperiale Politik Mussolinis wach und überschatteten alle sachlichen Erwägungen. Vor allem England fiel es schwer, sich von der Erinnerung an die Bedrohung seiner vitalen Interessen im Mittelmeer und im Vorderen Orient frei zu machen. Darum haben die Engländer lange Zeit versucht, die Frage der Kolonien zu regeln, bevor Italien wieder in die Gemeinschaft der westlichen Völker aufgenommen wurde. Daß dies nicht gelang, sondern die UNO-Vollversammlung im Dezember 1948 beschloß, die endgültige Entscheidung bis zum April 1949 zu vertagen, war ein entscheidender Erfolg für Italien.

Die grundsätzlichen Erwägungen der verschiedenen Großmächte sind zwar die gleichen geblieben, aber Italien ist inzwischen wieder ein politischer Faktor geworden mit einer eigenen, aktiven Außenpolitik, dessen Wünsche man nicht einfach übergehen kann; vor allem dann nicht, wenn man die Regierung de Gasperi, die den endgültigen Anschluß an Westeuropa nur nach schweren inneren Kämpfen durchsetzen konnte, nicht gefährden will. Gewiß, man könnte sagen, diese veränderte Position habe sich zwangsläufig aus der Weltkonstellation und der politischen und geographischen Schlüsselstellung Italiens ergeben, aber man sollte nicht übersehen, daß mindestens das Tempo dieser Entwicklung der Klugheit und staatsmännischen Kunst des Triumvirats Einaudi, de Gasperi und Sforza zu danken ist.

Bei den afrikanischen Kolonien. Italiens, über deren Schicksal jetzt die Vollversammlung der UNO entscheiden soll, handelt es sich um: Tripolitanien und die Cyrenaika am Mittelmeer, Eritrea am Roten Meer und Somaliland, den langen Küstenstreifen am Indischen Ozean. Eben dieser Umstand, daß sämtliche Gebiete gewissermaßen die Konturen des afrikanischen Kontinents an seinen strategisch wichtigsten Flanken säumen, ist der Grund dafür, daß die Großmächte der Frage, von wem und wie diese ehemaligen Kolonien verwaltet werden sollen, so große Bedeutung beimessen. Amerika legt entscheidendes Gewicht auf den Luftstützpunkt Mehalla in Tripolis. Für die Engländer ist die Cyrenaika als Ersatz für Palästina und die verlorenen Positionen in Ägypten ganz unersetzlich und der Flankenschutz für den Sudan und Ostafrika heute wichtiger denn je. Italien aber, so argumentiert man in England, ist schwach – schon 1940/43 konnte es seine Kolonien nicht halten – und es sei darum nicht geeignet, den Schutz gegen die Gefahr aus dem Osten zu übernehmen. Überdies ist man dort der Meinung, daß die italienische Herrschaft im Vorderen Orient so unpopulär gewesen sei, daß bei ihrer etwaigen Wiederherstellung der arabische Nationalismus zwangsläufig neuen Nährstoff erhielte und damit die Sicherheit der strategischen Basis Afrika gefährdet würde. Übrigens eine Annahme, für die eigentlich kein Beweismaterial vorliegt. Der Generalsekretär der Arabischen Liga hat vor einiger Zeit eine betont freundliche Erklärung über das Verhältnis der Nahoststaaten zu Italien abgegeben, und die im Januar durchgeführten Wahlen in Tripolis brachten einen Sieg des Comitato Italiano rappresentativo, das sich aus arabischen und italienischen Persönlichkeiten zusammensetzt.

Frankreich vertritt in mancher Hinsicht einen entgegengesetzten Standpunkt. Dort hofft man in Italien einen Bundesgenossen gegen den arabischen Nationalismus zu finden und möchte keinesfalls die Engländer, deren großzügige Kolonialpolitik den Erfolg der eigenen Bestrebungen gefährdet, als Nachbar in Tripolitanien behalten. Außerdem wünscht Frankreich den Fezzan, den südwestlichen Teil von Tripolis, der im Krieg durch französische Truppen befreit wurde, zu behalten. Was schließlich das französische Außenministerium immer wieder für die Ansprüche Italiens eintreten läßt, ist zweifellos das Bedürfnis, die Position der lateinischen Schwester zu stärken, um damit das angelsächsische Übergewicht in Europa etwas einzuschränken.

Im übrigen sind in diesen einander widerstreitenden Anschauungen, je nach der politischen Konstellation, auch gelegentlich Wandlungen eingetreten: es gab eine Zeit, in der Amerika ganz bereit war, England die Cyrenaika zu überlassen, um auf diese Weise die englische Unterstützung in der Palästinapolitik zu gewinnen, und vieles spricht dafür, daß Frankreich um den Preis gewisser Zugeständnisse bei den Ruhrverhandlungen England seine Unterstützung in der gleichen Frage zugesagt hat. Die Diskussion um die Frage der italienischen Kolonien wird schließlich durch den Anspruch Abessiniens noch besonders kompliziert. Abessinien ist zweimal – 1894 und 1935 – von Eritrea aus überfallen worden, und Kaiser Haile Selassie verlangt nun als Sicherheit die Abtretung dieser Kolonie, mindestens aber der Teile, die von koptischen Christen bewohnt sind, und darüber hinaus einen Hafen am Roten Meer.

Noch ist nicht zu übersehen, wie und ob die Vollversammlung überhaupt endgültige Entscheidungen treffen wird. Einstweilen rechnet Italien mit Sicherheit damit, Somaliland zu behalten und die Cyrenaika zu verlieren, es hofft ferner über Tripolis zusammen mit England und Frankreich eine Art Treuhänderschaft auszuüben, und es ist darauf gefaßt, einen harten Kampf um seine älteste Kolonie Eritrea zu führen. Marion Gräfin Dönhoff