Der folgende Artikel unseres ständigen Mitarbeiten für Fragen der Textilwirtschaft war bereits geschrieben (und das macht seinen besonderen Wert aus), ehe das Bipartite-Votum gegen die Freigabe der Textil- und Schuhwirtschaft herauskam. Seinem Verfasser hat es also durchaus ferngelegen, nun etwa gegen die Entscheidung polemisieren zu wollen, die ein immerhin erstaunliches Dokument darstellt: ausgezeichnet gleichermaßen durch die Beherrschung der Materie, die Feinheit der Analyse, die logische Klarheit in den Vorschlägen zur Therapie des Falles, und durch den schönen menschlichen Takt, mit dem die ganze Angelegenheit, ungetrübt von irgendwelchen doktrinären Einflüssen, über die Szene gegangen ist. Und Überhaupts – wie man in Bayern zu sagen pflegt...

Die Erfahrung der letzten Monate hat gelehrt, daß die Preise des Jedermann-Programms unterboten worden sind, ohne daß etwa Schleuderkonkurrenz erwiesen wäre. Die Verwaltung für Wirtschaft geht deshalb in der Frage der Verbraucher-Festpreise neuerdings noch zögernder vor als bisher. Eine bedeutende Gruppe der Textilindustrie vertrat unlängst die Forderung, die gesamte Produktion solle sich im Wettbewerb so einrichten, als sei sie für-„Jedermann“ bestimmt. Aus dem Bekleidungsfach verlautet, daß die Jedermann-Ware nicht mehr von „Jedermann“ gefordert, sondern teilweise mit kritischen Augen betrachtet, wenn nicht gar abgelehnt werde; eine zu auffallende Kennzeichnung sei aus diesem Grunde nicht wünschenswert. – Was bedeutet das alles? Ist der Zeitpunkt gekommen, der neue Überlegungen über Sinn und Wert der Jedermann-Erzeugung erforderlich macht?

Das erste Jedermann-Progrämm wurde in einer Zeit gehören, da die stürmische Nachfrage sich jeder greifbaren Ware bemächtigte und die Verbraucherpreise hinaufschnellten. Die Marktwirtschaft stand im Zeichen des mangelnden Gleichgewichts zwischen Angebot und Verbrauch und einer ungebändigten Preiskonjunktur, die durch „Dunkelmänner“ aller möglichen Art und Herkunft gefördert und ausgenutzt wurde. Das Jedermann-Programm hatte – wenn auch nur beispielhaft – einen guten Sinn und eine soziale Aufgabe: es legte in den ungestümen Markt die erste Bresche. Inzwischen haben sich die Voraussetzungen merklich gewandelt. Wir begegnen Preisangeboten für Spinnstoff- und Bekleidungswaren, die den von Tag zu Tag, wachsenden. Wettbewerb deutlich widerspiegeln. Das Gleiche gilt, wie kürzlich in dem Bericht über die Kölner Fachmesse hier bereits geschildert wurde, für die Schuhbranche.

Wird die Jedermann-Erzeugung der Spinnstoffwirtschaft nicht allmählich problematisch, wenn der Rohstoff (und dieser Meinung ist ja die Verwaltung für Wirtschaft) künftig keine Sorge mehr bereiten und die Garnklemme, solange sie – nicht durch Zuwachs von Spindeln überwunden werden kann, durch Gespinsteinfuhren übersprungen wird? Wird die Produktion nach Güte und Preis nicht immer mehr zu einer Konkurrenzfrage? Sind wesentliche (förmliche und gegenständliche) Kriterien des ersten Jedermann-Programms nicht deshalb aufgegeben, sind Ausschreibung, Verbraucherpreise und Rohstoffbegünstigung nicht fallengelassen worden?

Was bleibt denn schließlich übrig, um noch eine Jedermann-Erzeugung zu rechtfertigen? Die Festlegung von Mindestqualitäten in der Artikelliste für Jedermann-Ware? – Wir treten grundsätzlich für eine vernünftige Standardisierung aller Massen- und Stapelartikel ein, die die Rohstoffvergeudung unterbindet, billige Serienfertigungen für den Binnenmarkt fördert und dem Verbraucher ein ausreichendes; aber begrenztes Sortiment nach Größen und Mindestgüte verbürgt. Das ist eine Aufgabe, die für die deutsche Spinnstoffwirtschaft längst spruchreif geworden ist – eine Arbeit in der Stille, zu der es keiner lauten Begleitmusik bedarf. Was aber kann einen Fabrikanten reizen, Jedermann-Ware herzustellen, wenn das Etikett „Jedermann“ schon verbrauchspsychologischen Hemmungen begegnet und die freie Herstellung anderer Waren weder unterbunden ist noch von der Rohstoffseite her Schwierigkeiten bereitet?

Sind die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft schon so stark ausgeprägt, daß die Industrie sich dem breitesten Massenbedarf anpassen muß, eben dem, was „Jedermann“ am dringendsten braucht, so ist nicht einzusehen, warum man sich nicht auf die automatische Lenkung der Marktwirtschaft auch ohne Artikelliste verläßt. Druckstoffe können nicht fortgesetzt von Industrien, die nicht dazu berufen sind, nach Lohnausrüstung angeboten werden. Solche Sitten oder Unsitten müssen sich im Konkurrenzkampf totlaufen. Der Ruf nach Bettwäsche, um nur ein Beispiel zu nennen, ist viel eindringlicher als nach Druckstoffen, und wenn der schmaler gewordene Geldbeutel zum Kauf von Fertigkleidung nicht ausreicht, wird Meterware bald Trumpf werden.

Die Regulative zur Beeinflussung der Erzeugung sind ja recht problematischer Natur. Das gilt für die Produktionsauflagen, wie auch für die Aufwandsteuer. Auflagen sind eben ein Mittel der Zwangswirtschaft, dessen Anwendung nur noch selten gerechtfertigt erscheint: da, wo in besonderen Fällen die selbsttätigen Kräfte nicht stark genug sind, die Erzeugung in die richtige Bahn zu lenken. Die Aufwandsteuer auf „Luxuswaren“ aber sollte man ruhig zu den Akten legen. Regulativ, also für die Lenkung des Rohstoffeinsatzes, ist sie zu nichts nütze. H. A. N.