Maître Blumel setzt sein gestern abgebrochenes Plädoyer fort. Noch einmal müssen wir einen Vergleich zwischen Thorez und Kravchenko hören, Blumel behauptet, Thorez wäre, wenn er 1939 – Frankreich nicht verlassen hätte, wahrscheinlich verhaftet und vielleicht sogar erschossen worden. Ein von General de Gaulle unterzeichnetes Dekret habe ihn nach dem Kriege begnadigt. Aus dieser Amnestie, die auch anderen ins Ausland Gegangenen zugute kam, zieht Maître Blumel erstaunliche Schlüsse, denn er sagt, im Gegensatz zu Thorez sei Kravchenko aber durchaus als Fahnenflüchtiger zu betrachten, denn Kravchenko habe seinen in der Roten Armee geleisteten Fahneneid verletzt. Dessen Text liest er vollständig vor, den des von Thorez geleisteten Eides erspart er uns, wohl aus Furcht, das Auditorium zu langweilen.

Doch das Hauptstück von Maître Blumels Plädoyer ist das Zitat eines im Jahre 1947 in der Zeitung Monde erschienenen Artikels von André Pierre, dem in dem angesehenen Blatt die außenpolitische Rubrik untersteht und der in einem großen Feuilleton acht über Rußland erschienene Werke einer Betrachtung unterzog, darunter auch Kravchenkos Buch, zu dem es unter anderem heißt: „Ich gestehe, daß ich Apostaten und Renegaten nicht schätze. Gewiß, ich verstehe sehr gut, daß man mit einem Regime bricht, dem man lange gedient und dessen Verbrechen gegen die Menschheit man nach und nach entdeckt hat. Ich verstehe, daß man von der Ernüchterung zur Revolte gelangt und daß man die Freiheit der Sklaverei vorzieht. Es ist nicht die Tatsache von Kravchenkos Bruch mit der Sowjetunion, die mir peinlich ist, sondern dessen politische und literarische Ausnützung. Das Buch Kravchenkos hetzt jedenfalls die Kriegstreiber auf, die in den Vereinigten Staaten und andererorts davon träumen, daß ein dritter Weltkrieg die Beseitigung des Herdes des Kommunismus leicht machen würde.“

Nach der Vorlesung der markanten Stellen dieses Artikels fragt Maître Blumel, warum Kravchenko die Zeitung Monde nicht ebenso verklagt hat wie die Lettres Françaises? Nun, der Artikel. André Pierres sucht an keiner Stelle Kravchenko zu beleidigen, er tadelt lediglich die aufpeitschende Wirkung des Buches auf die sowjetfeindlichen Kreise Amerikas, während der Sim-Thomas-Artikel sich nicht genug tun konnte in persönlichen Verleumdungen.

Maître Blumel faßte sein wohltuend höfliches Plädoyer dahin zusammen, daß Kravchenkos Buch den Frieden gefährde und daß der Kläger sich damit zum Feinde Frankreichs gemacht habe.

Geschickter Schachzug

Die beiden letzten Tage des Prozesses sind von dem auf zwei äußerst langweilige Sitzungen verteilten PlädoyerMaître Nordmanns beherrscht. „Hatten die Lettres Françaises das Recht, die kriegshetzerische Propaganda Kravchenkos aufzudecken und anzuprangern so beginnt er und gesteht damit gleich zu Anfang seiner enttäuschenden Rede, daß er Kravchenkos Klage auf Verleumdung nicht als den eigentlichen Gegenstand des Prozesses betrachtet; ein geschickter Schachzug für den Fall, daß das Gericht, sich streng an den rein juristischen Tatbestand haltend, die Beweise für Sim Thomas Behauptungen als nicht erbracht erklärt und die Lettres Françaises verurteilt.

Maître Nordmann, der sich vom Krankenbett ins Gericht geschleppt hat und sich nicht in seiner sonst so glänzenden Form befindet, faßt während vieler Stunden die „kleinen und großen Lügen“ des Buches, deren die Verteidigung Kravchenko während der Verhandlungen zu überführen versucht hat, noch einmal zusammen. Er nimmt als erstes die „Unwahrheiten“ des autobiographischen Teils von „Ich wählte die Freiheit“ aufs Korn und Kravchenko ist von neuem nichts anderes denn ein Phantast, Aufschneider, Hochstapler und Dieb. Es ist gerade so, als ob die schwach füßigen, sich widersprechenden Aussagen der Sowjetzeugen unumstößliche Beweise darstellten. Wie es aber möglich gewesen ist, daß eine wach same Regierung wie die sowjetische diesem Untermenschen einen Posten im Ausland anvertraut hat, das kann auch Maître Nordmann uns nicht erklären.