Von Anton Maria Girardi

Anton Maria Girardi, der Sohn des großen und volkstümlichen Schauspielers in Wien um die Jahrhundertwende, war nach dem letzten Kriege Zeitungsverkäufer in Salzburg und lebt jetzt als freier Schriftsteller in der Nähe von Hamburg. Im folgenden berichtet er von der Ahnenreihe seiner Familie und dem Verhältnis, das sein Vater, Alexander Girardi, zu ihr hatte.

Mein Vater, Alexander Girardi, konnte auf eineAhnenreihe zurückblicken, die in der Öffentlichkeit nur sehr wenig bekannt wurde, weil er mit dem stolzen Selbstbewußtsein einer aus eigener Kraft zu höchsten Ehren gelangten Persönlichkeit stets nur seine jüngste Vergangenheit zu betonen pflegte. Er war mit Recht stolz darauf, als Sohn eines Schlossermeisters in Graz geboren worden zu sein und dieses ehrsame Handwerk selbst sieben Jahre lang als Lehrling bis zur Gesellenreife erlernt Zu haben. Dieser soziale Zug gewann später durch die volkstümliche Art seiner Darstellungskunst eine überzeugende Bestätigung. Steckte doch in dem unübertrefflichen Volkssciauspieler immer noch etwas von dem ehemaligen Schlosserlehrling aus Graz.

In Wirklichkeit entstammte jedoch Alexander Girardi einem der ältesten Adelsgeschlechter Siziliens, welches noch heute zu den bekannten Familien zählt. Die Girardis kamen unter Friedrich I. nach Sizilien. Als Stammvater gilt ein Ugolino de Girardi. Im Jahre 1296 werden die Girardi in Ragusa genannt, während sie im 14. und 15. Jahrhundert schon zum Hochadel Messinas gehörten. Ein Abate Giuseppe Maria de Girardi aus Camarata erhielt den Titel Baron von Luparllo (1665), ein anderer bekleidete eine der höchsten Stellen in der Regierung des Königreiches Sizilien im Jahre 1787. Die Revolution hat meine Ahnen aus Sizilien vertrieben. Mein Urgroßvater Johann Anton, Baron von Girardi, wanderte in das Dörfchen Ampezzo, am Fuß des Monte Pramaggiore in Tirol, aus, wo er sich, in weiser Anpassung an die neuen Verhältnisse als Gebirgsbauer, unter strikter Neuerung seiner aristokratischen Abstammung, niederließ. Als letzte Konsequenz ehelichte er eine dort ansässige Bauern tochter namens Magdalena Zardini, die ihm einen Sohn gebar, der den Namen Andreas erhielt. Dieser Andreas wiederum zog mit väterlicher Einwilligung in die Steiermark, erlernte in Knittelfeld das Schlosserhandwerk und gründete später in Graz eine eigene Schlosserwerkstätte, nachdem er zuvor die Tochter eines Kleinhäuslers, Maria Spindler, zur Frau genommen hätte. Dieser Ehe entsproß am 5. Dezember 1850 ein Knabe, der den Namen Alexander erhielt und später einer der größten Schauspieler deutscher Sprache genannt werden sollte.

Nachdem unser feudales Geschlecht derart vom Jahre 1812 an – wahrscheinlich nicht zu seinem Schaden – verbauerte und verschlosserte, war es meinem Vater vorbehalten, den Adel seiner Abstammung mit dem Adel der Leistung zu vertauschen! So bescheiden Alexander Girardi ab Mensch war, so herrschsüchtig konnte er jedoch als Künstler sein. Seine Sucht, in der Theaterwelt zu herrschen und zu beherrschen, schien manchmal an Fanatismus heranzureichen und stellte eine Diskrepanz dar zwischen seinem privaten Menschen und seiner Künstlerpersönlichkeit.

Der populärste aller Schauspieler heiratete nun im Jahre 1898 meine Mutter, die einem der ältesten ungarischen Adelsgeschlechter entstammte, womit sich der besonders volksnahe Künstler in einen krassen Gegensatz zu der Meinung aller Galerie- und Stehplatzbesucher stellte, die in stummer Verwunderung und im Namen einer von ihrem Idol bisher so stark betonten Volkstümlichkeit ihre Köpfe geschüttelt haben mögen.

Doch mein Vater vergaß durch diese Heirat nicht seine Jugendzeit in der Schlosserwerkstatt, wie folgende „gspaßige Pointe“ beweist, deren Wahrheit sogar ausnahmsweise verbürgt ist:

Anläßlich des vierzigsten Bühnenjubiläums Alexander Girardis hatte sich eine wissenschaftliche Persönlichkeit auf dem Gebiete der Adelsforschung der Mühe unterzogen, der Ahnenreihe des Künstlers bis zum 13. Jahrhundert mit Erfolg nachzuspüren. Auf Grund der Ergebnisse wurde meinem Vater der Vorschlag unterbreitet, beim italienischen Königshaus um seine Renobilitierung anzusuchen. Seine Antwort auf das feierlich getätigte Angebot war schlechthin „girardesk“ zu nennen. „Eine kolossale Ehre für mich, weiter Herr, alsdann wirklich kolossal!“ sprach er verlegen, um sodann mit seinem unnachahmlich schalkhaften Augenaufschlag fortzufahren: „Aber – wissens, werter Herr, es werd’n jetzt soviel blöde Possen für mich geschrieben, daß man net genug aufpassen kann! Stellen’s Ihnen nur vor; was zum Beispiel passieren könnt’, wenn amal auf an Theaterzettel von so einer Possen im Personen Verzeichnis stehen tät: Ein Idiot... Herr Baron Girardi.“