E.G., London, Anfang April

Er leistet sich nur einen Luxus, die austerity, die strenge Einfachheit; davon kann er offenbar nicht genug bekommen. Dieses Urteil über Englands Schatzkanzler stammt zwar aus der Froschperspektive des Briten, dessen Portwein knapp und dessen Zigaretten teuer geworden sind. Und doch liegt ein wahrer Kern darin: vielen Engländern ist Sir Stafford Cripps leicht unheimlich. Sein Aufstehen beim ersten Hahnenschrei mag noch hingehen; seine Freude an Zahlenakrobatik noch vor dem Frühstück ist schon verdächtiger. Und seine frugalen Mahlzeiten, obwohl sie nicht – wie der Volksmund behauptet – allein aus rohen Wurzeln bestehen, lassen nicht mir die wenigen Genießer französischer Küche erschauern.

Dieser Nachfahre der Puritaner mit dem Strengen Blick durch randlose Brillengläser, mit dem energischen Kinn und der asketischen Gestalt hat praktisch allein darüber zu entscheiden wieviel Arbeit der Engländer leisten, welchen Lohn er dafür erhalten soll und was er an Nahrung, Getränken, Kleidung, Möbeln und Rauchwaren kaufen kann. Wahrlich eine ernste Angelegenheit; nur beim Gedanken an den Tabakdunst erhellen sich die Züge der Engländer. Sie wissen, daß hier wenigstens Cripps auf ihrer Seite steht.

Seine verwundbare Stelle ist seine Pfeife. Wenn er sie anzündet, entspannt sich sein Gericht. Gewiß, er schont den Raucher in sich nicht, wenn es ans Steuerfestsetzen geht. Aber er fühlt sich doch den gequälten Fragestellern im Unterhaus verbunden, wenn sie von ihm als Pythia etwas über zukünftige Tabakeinfuhren erfahren wollen. Im allgemeinen jedoch fehlt ihm die leichte Hand für den Umgang mit den Parlamentariern. Als stellvertretender Regierungssprecher im Unterhaus unter Churchill war Cripps im Grunde ein Versager. Auf seiner Indien-Mission im Kriege fühlte er sich im Einzelgespräch mit aufrichtigen indischen Nationalisten wohler als in Konferenzen, und auf Empfängen. Und bei den Pariser Verhandlungen der letzten Monate über größere wirtschaftliche Einheiten der Marshall-Länder war es seine Abneigung gegen zu große Gremien, die ihn ohne Umschweife erklären ließ, man würde sich bestimmt freier fühlen, wenn das sachverständige „Gefolge“ sich zurückziehe.

Man könnte Cripps den Typ des Privatdetektivs nennen. Zur Zeit der Labour-Opposition war Sir Stafford, der Sohn Lord Parmores, nicht nur als erfolgreicher Anwalt vor Gericht, sondern auch als enfant terrible bei seinen Parteifreunden gefürchtet. Zweimal ließ er sich lieber aus der Partei ausschließen, als sich der Parteimaschine zu beugen. Und in normalen Zeiten wäre dieser ungewöhnlich scharfsinnige Einzelgänger sicherlich zu apodiktisch, um sich längere Zeit im Ministersessel halten zu können.

Gegenwärtig steht er jedoch fast jenseits der Parteien Kampf – der einzige Politiker, der England aus seinem Mittsommernachtstraum von einer Nachkriegswirtschaft ohne Not und Anstrengung erweckte, der es in den Alltag einer mühsam zu erarbeitenden, nicht luxuriösen, aber gesicherten Lebenshaltung: zurückführen kann. Als sein über-optimistischer Gegenspieler Dalton sich selbst durch einen Verstoß gegen die Diskretionsetikette aus dem Schatzamt entfernte, war die große Stunde für Cripps gekommen, die gesamte Wirtschaftspolitik Englands allein in die Hand zu nehmen. Seine Parole hieß austerity, sein erster großer Triumph vor Jahresfrist war der Verzicht der Gewerkschaften auf allgemeine Lohnerhöhungen. Seither läßt sich, sein Erfolg am besten daran ermessen, daß England im vergangenen Jahr, seine Produktivität, seine Leistung je Arbeitskraft um 5 v. H. erhöhte – und daß es gelang, dieses Plus voll und ganz zu exportieren.

Die Engländer folgen Cripps, nicht mit Liebe oder Zuneigung, aber mit Achtung vor seiner Sherlock-Holmes-Diagnose und seiner wirksamen, wenn auch nicht immer schmackhaften Medizin, in der Hoffnung, eines Tages Arzt wie Medizin entbehren zu können. Ihn ficht diese Spekulation auf seinen Abgang nicht an, wohl aber jede Kritik, die die Gesundung der englischen Nachkriegswirtschaft stören könnte.