Eine "dramatische Historie" nennt der Dichter sein neues Bühnen werk in einem Vorspiel und vier Akten. Die ersten zweieinhalb Bilder hat er aus einem Fragment "Die große Ballade von 1935 übernommen, den Schluß im vergangenen Jahre angefügt. So ist ein Bruch darin geblieben: anfangs erlebt man eine düster jagende Vision zwischen Henkern, Dirnen und Revolutionssoldaten, ein Zeitgemälde von fast Büchnerschem Maß; dann die große Ballade ron jenem tödlichen Mummenschanz, der hinter allen pathetischen Worten doch nur düFreiheit der Denunziation, die Gleichheit auf der Guillotirie und die Brüderlichkeit des Bürgerkriegs kannte; und schließlich gibt es einen historischen Bilderbogen, halb epische Anekdötchen Erzählerei und halb dialogisierte Geschichtsphilosophie.

Frank Thieß, der am Vorabend der Premiere einen Vortrag über "Die glückliche Stunde der Revolutionen hielt, läßt auch in diesem Stück gleichsam ein Kolleg über Sinn und Unsipn der Revolution lesen, entwickelt am Beispiel Frankreichs von 179394, vom Sturz Robespierres am 9. Thermidor bis zum Sieg Napoleons über den Pariser Pöbel. Er witt zeigen r daß es nicht die Männer sind, die Geschichte machen, sondern daß die Geschichte sich ihrer wie Marionetten bedient und sie beiseitewirft, wenn sie ihre Rolle ausgespielt haben. Auch Napoleon wird wieder abtreten müssen und nur Miroir, der Lumpensammler, sucht weiter wie Diogenes mit der Laterne, nach einem Menschen. Das hätte einen Essay oder auch einen guten Roman geben können. Die große geistige Konzeption und manch kluges Bonmot dazu sind schon gegeben. Aber statt der Dramatik und Tragik, die aus der Untergangsstimmung dieses Karnevals der Freiheit erwachsen sollten, gibt Thieß meist nur pointierte Konversation, von allerhand Theaterdonner hinter den Pappkulissen begleitet. Der Gastregisseur Willi Hanke beschränkte sich darum bei der Uraufführung am Badischen Staatstheater Karlsruhe nach, den balladesken Ansätzen des Vorspiels auf ein Zeitgeschichtlich stilecht erscheinendes Arrangement, das er durch allerhand Hoftheater Pathetik zu beleben versuchte. Das Publikum, von den gedanklichen Hintergründen dieser Paraphrasen über die Unzulänglichkeit alles Menschlichen trotzdem sichtlich beeindruckt, bereitete dem Dichter ehrende Ovationen. Seelmann Eggebert