Der deutsche Meisterboxer Hein ten Hoff ist soeben, ohne geboxt zu haben, aus Amerika zurückgekehrt.

Es ist wie bei einem automatischen Pferderenn-Spiel: wenn die Pferdchen am Ziel angekommen sind, fliegen sie mit einem Rudi an den Startplatz zurück.

Unsere Pferdchen allerdings werden noch ein gehöriges Stück hinter den Startplatz zurückbefördert: unsere Boxer, unsere Bobfahrer, unsere Tennis- und Schachspieler ... unsere Musiker.

Es scheint, als seien hervorragende Vertreter unserer Sport-, Kunst- und Geisteswelt – untadelige Persönlichkeiten, von reinstem Verständigungswillen erfüllt –, einer Psychose zum Opfer gefallen. Am Entstehen dieser Psychose sind die Organe der deutschen Öffentlichkeit nicht unbeteiligt. In den letzten drei Jahren konnten Ausländer, vor allem Angehörige von Sportorganisationen, sich nicht in die Nähe deutscher Pressevertreter wagen, ohne mit der flehentlichen Frage rechnen zu müssen: „...istes nicht bald soweit? Morgen vielleicht? Oder erst übermorgen?“ – Und die Ausländer nickten begütigend und antworteten: „Es wird schon werden, nur noch ein wenig Geduld ...“

Als dann Schweden und die Schweiz eigenwillig, den Boykott durchbrachen und den Sport-, verkehr mit Deutschland wieder aufnahmen, stimmten unsere heimischen Weltmeister in Psychologie einen lauten Jubelchor an: Die haben es ihnen gezeigt, so war es richtig, so müssen es alle machen. Aber alle machen es nicht so, im Gegenteil, die meisten wehren sich entschieden gegen deutsche Gastgeber und deutsche Besucher. Und wenn die unerwünschten Gäste, weil das Haupttor verschlossen bleibt, durch die Nebenpforte eindringen, dann ist der Empfang entsprechend unfreundlich. Nach dem Erwachen aus dem Verbrüderungsrausch droht unseren Weltaufgeschlossenen eine zweite Gefahr: daß sie sich in die Schmollecke zurückziehen und gekränkt sind. Aber nach dem Schlimmen, was geschehen ist, darf nicht dieses Schlimmere passieren. Wir müssen einsehen, daß wir an dem peinlichen Mißklang, der beim Zusammenprall unserer Weltsehnsucht mit der kühlen Reserve der anderen entstanden ist, selbst schuld sind. Wir müssen jetzt das tun, was wir gleich hätten tun sollen, nämlich geduldig warten.

Und wenn, zum Beispiel, unsere deutschen Schachspieler wieder einmal eine Chance eräugen, nach England fahren zu dürfen, dann sollen sie nicht gleich in Triumphgeschrei ausbrechen und vielleicht den deutschen Bobfahrern zurufen: „Da könnt ihr sehen, wir waren schneller als ihr!“ – Sie sollen überlegen, ob der Zeitpunkt wirklich schon gekommen ist, freundschaftliche Gesten mit einem Kopfsprung in die Glückseligkeit zu beantworten.

In den bewußten zwölf Jahren hat man uns eingeredet, daß jeder Aufwärtshaken, den ein deutscher Boxer am Kinn eines Ausländers landet, vom Rauschen der nationalen Flaggen begleitet sei. Von dem einen Extrem sind wir zum anderen gelangt. Heute müssen wir uns daran erinnern, daß die Auslandsreise eines Deutschen nicht ganz und gar seine Privatangelegenheit ist. Peter Christian Baumann