Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte April

Als Alfred Doeblin den Alex mit „Berlin Alexanderplatz“ unsterblich machte, war er Arzt dieser Menschen- und Häuserlandschaft von einmaligem Profil. Unterdessen ist er zum Sänger Gottes geworden; zum Preise des Alexanderplatzes aber ist niemand mehr aufgestanden. Zugegeben – es ist schwer, ein Wrack zu besingen. Und es wäre, da Ruinen und Trümmer die Welt des Deutschen von heute sind, auch nicht so wichtig. Unter den Häuserskeletten vom Alex aber scheint das Pflaster fortgeschwemmt zu sein. Da quirlen Menschenknäuel noch immer aus dem U-Bahnhof, obwohl das alles nicht mehr da ist: nicht mehr Tietz, nicht mehr Johan, die Berolina nicht und die kitschig lärmenden Kinoburgen; auch die stickigen Apachenkeller mit ihren Reminiszenzen an „Immergrün“ und die „Ringvereine“ sind hin. Statt dessen rollen durch die geduckten Armeleutehäuschen neben den feuerzerfressenen Baupalästen die Trümmerbahnen. Man muß überlegen, warum an diesem Frühlingstag über das weite Rund des Platzes ein so deftiger Wind pfeift: vielleicht, weil in die graue Ringsum-Kulisse die Spitzhacke ihre grimmigen Lücken gerissen hat, die die armseligen Mädchen der kleinen Querstraßen ganz der Öffentlichkeit ausliefern.

Aber was ist das für eine Öffentlichkeit! Man soll nicht viel erwarten nach Krieg und Zerstörung und Elend. Doch dies ist immerhin der Mittelpunkt des unblockierten Sektors der großen Stadt, das Stelldichein der östlichen Repräsentanz. Nur, sie kann sich an diesem Platz nicht zeigen, denn er hat keine Schaufenster mehr. Die letzten liegen dicht am S-Bahnhof, vor dem Taxis stehen; Taxis mit cyrillischen Buchstaben. Ein paar sowjetische Offiziere verhandeln mit einem Chauffeur: Die Löhnung ist nicht mehr die üppige Kriegslöhnung von 1945, und neuerdings wird für Leistungen gezahlt. Dahinter liegen also die Schaufenster. Hausrat wird angeboten, Quirle und Schüsselchen, Siebe und elektrische Kochplatten. Daneben ein Musikladen. „Das neue, das alte, das herrliche Volksinstrument“ steht quer über die Scheibe gepinselt: die Balalaika grüßt den Alexanderplatz. Das benachbarte Blumengeschäft hat nicht viel mehr als ein paar Kakteen zu bieten. „Haben Sie keine Tulpen?“ fragt einer. „Nein, die bekommt man nur in Westmark – und das geht ja hier nicht. Aber drüben sicher, in unserer Filiale .. „Drüben“ ist natürlich Westberlin. Manches darf von dort bisweilen auch herüberkommen. Solinger Klingen zum Beispiel. Sie wurden an diesem Tage alle zehn Meter von fliegenden Händlern, Männern in zerschlissenen Militärjacken oder Amputierten, angeboten. „Die Umrechnung rentiert sich bei dem Artikel“, meint einer von ihnen, „bei den meisten setzt man hier drüben bloß zu.“ Die kleinen Budiker rings um den Platz scheinen das zu bestätigen; da liegt es grau und vergilbt übereinander, das erste Aufgebot der verklungenen Nachkriegsjähre: die Galalitsenkel, die Hosenknöpfe, Feueranzünder, Aschenbecher, Schuhanzieher, Besohlstückchen; der Jahrmarkt des Elends ist noch, nicht ausverkauft. Die billigen Mädchen sind teurer geworden, und älter und unansehnlicher; auch ihre Schuhe sind nicht mehr vom neuesten Schick. Ja, wenn sie Westmark einnähmen ... Sie schäkern mit den alten, verhutzelten Frauen und Männern, die an der krummen Straße des Verkehrs Spalier stehen: mit Zuckerstangen und Kuchenbrötchen, mit amerikanischer Schokolade und Konsumvereinskeksen. Im Ostsektor gäbe es keine Erwerbslosen, stand in der „Täglichen Rundschau“ zu lesen.

Hier gibt es keinen Kurfürstendamm, und selbst die leiseste Prosperität erregt schon Verdacht. Man trägt sich nicht primitiv, man ist es. Gewiß, der Alexanderplatz und die Frankfurter Allee waren immer die Berliner Gegenden, in denen es nach Mietskaserne und sozialer Emanzipation roch. Doch man schnupperte das Leben. Nun ist da ein anderes „Land“ entstanden. Schuhputzer haben sich auf getan auf dem großen Platz: das brauchte er früher nicht. Die von heute sind bürgerliche Erinnerung in einem Milieu von ehemaligem, unbürgerlichem Leben. Die Ersatzwirklichkeit liegt im verkleinerten Tietz-Laden in Regalen und auf Ständen: das ist nicht die Armut, das ist das Surrogat der Armut. In den allmächtigen Konsumgeschäften, vor denen sich die gesichtslosen Armen um die punktfreien Holzschuhe des ersten Nachkriegsmodells drängen, sind die Besitzer der FDGB-Scheine Privilegierte. Ein paar Häuser weiter scharen sich die Geduldigen um das große Spektakel dieses Sektors um den „freien Laden“. Polizisten längs der Schlangen, Polizisten am Eingang, Polizisten im Laden: die Freiheit braucht offensichtlich stärkste Sicherung. Stehen muß man wie in den Zeiten des großen Trainings. Doch die da stehen, tun es überwiegend für die Familie drüben im Westen. „Wenn man es umrechnet, ist es billiger als ohne Marken“, so kalkulieren die aus Berlin W.

Fast scheint es, als gelte ihnen, den Westberlinern, die lärmende Bemühung der „Freien Läden“ und der „Freien Restaurants“. Auch das steht am Alex und gehörte bis vor kurzem noch jemandem. Nun ist es „volkseigen“ und seine Preise sind für Ostmarkempfänger unerschwinglich. Drum drängen sich die Westmarkentlohnten hinein. Schweineohren sind beliebt. Butterkremtorte ist das Standardgebäck; für russische Vorstellungen Inbegriff des Wohlstands. Freiheit bedeutet hier Freiheit von der Markenpflicht und zu hohen Preisen. Der 100-Gramm-Braten zu 18,50 Mark behebt nicht das dumpfe Gefühl des Ostsektors, das er nicht ihm, sondern seiner Fassade gespendet wird. Die Speisenden haben es eilig, denn vor der Tür mahnen neue Schubs, und wer sich für eine entspannende Stunde niedersetzen wollte, sähe sich durch die kontrollierende Geschäftigkeit der Kellner bitter enttäuscht.

Wenn der Abend kommt, flammen in den Häusergrimassen die Lichter auf. Um den Platz sind sie verschwenderisch aufgebaut. Die Protzerei mit dem Strom reißt die Schlagkremstände und die Krambuden mit den papiernen Hosenträgern aus ihrer grauen Verlorenheit, und die Lautsprecher dröhnen Wiener Walzer und die Meldungen über neue Aktivistenschichten über die stumpfen Heimwärtsfahrer hinweg. Die Friseurladen. sind voll; auch hier steht man Schlange. Auch hier sind es die Westberliner, die die billige Ostmark unterbringen. Doch die Kneipen werben nicht mehr.